Rezension

Heute erscheint es ziemlich weit hergeholt, ein Werk zu lesen und zu behandeln, das inzwischen mehr als achthundert Jahre alt ist. Doch der Parzival ist ein faszinierendes und spannendes Werk, das nicht nur den Freunden des Mittelalters eine ganz besondere Lektüre bietet. Die Erzählung berichtet vom jungen Parzival, der völlig unbedarft in die Welt hinauszieht, nachdem er fernab von der Zivilisation in einer Einöde aufgezogen wurde. Er strebt dabei nicht irgendein Leben an, sondern er will Ritter am Hofe von König Artus werden.

Der Leser erlebt ihn als einen jungen und vor Kraft strotzenden Mann, der sich durch nichts von seinen Zielen abbringen lässt und der seinen Fähigkeiten vertraut. Doch der Autor Wolfram von Eschenbach  gestaltet seinen Helden keineswegs als eine überhöhte Figur, wie dies viele andere seiner Schriftstellerkollegen seiner Zeit getan haben. Vielmehr handelt es sich bei Parzival um eine Figur, die viele Schwächen zeigt und sich mehr als einmal mit ihrem ungestümen Wesen in problematische Lagen bringt oder am Tod von sehr nahen Verwandten schuld wird.

Auf seine ersten glücklich bestandenen Abenteuer folgt keineswegs ein Leben in Ruhe und Wohlstand, sondern die Zauberin Cundry zerstört seinen hart erarbeiteten und erkämpften sozialen Status durch eine gnadenlose Analyse seiner größten Verfehlung: der nicht gestellten Mitleidsfrage. Nun wird aus dem jungen und beherzten Mann ein Mensch, der sich und seine Handlungen infrage stellen und darüber hinaus erkennen muss, dass er noch viel zu lernen hat, obwohl er von Natur aus mit vielen Vorzügen gesegnet ist.

In fast nihilistischer Weise stellt er während dieses Prozesses Gott infrage und ist aber gleichzeitig bereit, für seine Taten Buße zu tun – obwohl die Gründe dafür oft Unwissen und mangelnde Erziehung sind, die man ihm nicht unbedingt vorwerfen kann. So reift er zu einer starken und ruhigen Persönlichkeit heran, die stets einen sehr starken Willen zur Umsetzung seiner Ziele beweist.

In ungezählten Kämpfen versucht er, seine Ehre wieder herzustellen, und irrt beinahe fünf Jahre auf der Suche nach dem Gral durch die Welt, fernab von seiner Familie und seinen Freunden. Auch wenn es niemand zuvor geglaubt hat, so wird diese Mühe schließlich doch belohnt und er erhält eine zweite Chance, die er diesmal dazu nutzt, um seinen vorherbestimmten Platz als Gralshüter einzunehmen.

Auch wenn die Welt der Ritter manchmal befremdlich wirkt und viele Handlungen uns heute eher amüsieren als belehren, so ist Parzival doch eine Figur, die auch heute noch als Vorbild dienen kann. Sie zeigt uns, dass es nicht nur Kraft, Mut und Wille braucht, um seine Ziele im Leben zu erringen, sondern auch Einfühlvermögen, Respekt und einen unbeugsamen Willen, um seinen ganz individuellen Platz auf dieser Welt zu suchen und ihn trotz aller Hindernisse auch zu finden.