Charakterisierung

Wolfram von Eschenbach berühmtes Epos „Parzival“ ist durch seine sehr umfangreiche Handlung und die sehr weitreichenden Beziehungen der zahlreichen Personen untereinander geprägt. Knapp sechzig Charakterisierungen geben Aufschluss darüber, welchen familiären Hintergrund die jeweilige Figur hat und in welchem Kontext sie zu den anderen Personen der Handlung steht.

Neben den verwandtschaftlichen Beziehungen, die in diesem Werk eine große Rolle spielen, wird in der Charakterisierung der einzelnen Figur auch – wenn angegeben – auf ihre äußere Erscheinung, ihren Charakter, ihren soziale Status und ihre Taten eingegangen. Für eine bessere Übersicht sind alle Figuren alphabetisch geordnet, um beim Lesen einen schnellen Zugriff auf die jeweiligen Charaktere zu ermöglichen.

Von unserer sorgfältigen Analyse der Charaktere lassen sich Rückschlüsse auf die Thematiken und Motive ziehen. Diese Charakterisierungen fassen die Eigenschaften der Hauptfiguren und der vielen Nebenfiguren, die oft in Verwandtschaft zueinander stehen, in einfacher Sprache zusammen und bilden eine gute Grundlage für das bessere Verständnis der komplexen Geschichte des „Parzival“.

Anmerkung: Im Gegensatz zu anderen mittelhochdeutschen Versepen zeichnet sich Wolframs Konzeption dadurch aus, dass er sehr viele verschiedene Figuren einsetzt, die fast alle einen recht umfangreichen Stammbaum aufweisen. Dadurch gibt es viele Verwandtschaftsbeziehungen und Verbindungen der Figuren untereinander. Diese Tatsache spiegelt die Bedeutung des Stammbaums in der mittelalterlichen Kultur wider.

Ampflise

Ampflise ist die Königin von Frankreich. Sie liebt Gahmuret und steht damit in Konkurrenz zu Herzeloyde und Belakane. Aufgrund des Turniersiegs von Gahmuret muss dieser aber Herzeloyde ehelichen. Sie ist für die höfische Erziehung von Gahmuret verantwortlich, „so daß der Held in jeder Weise höfisch gebildet war“ (VI, S. 553).

Anfortas

Anfortas ist der Bruder des Einsiedlers Trevrizent sowie von Herzeloyde und Joisane. Als ihr Vater Frimutel gefallen ist, wird er als der älteste Sohn „zum Schutzherrn des Grals und der Gralsgemeinschaft“ (IX, S. 81) erhoben, obwohl er noch sehr jung ist (IX, S. 81: „jenes Lebensalter, in dem die ersten Barthaare sprießen“).

Die Frau, die er liebt, ist Orgeluse. Sie nutzt ihn aus, um mit seiner Hilfe den Tod ihres Ehemanns zu rächen. Dabei wird Anfortas schwer verletzt und ist seither mit einer nicht heilenden Wunde gestraft (XII, S. 317). Obwohl ein Arzt die Splitter und die Lanzenspitze entfernt, eitert die Wunde und Anfortas muss vor sich hin siechen. Keine bekannte Medizin hilft gegen sein Leiden, selbst Pelikanblut und das Herz sowie der Karfunkelstein eines Einhorns schenken ihm keine Linderung (IX, S. 89).

Da Anfortas eine andere Frau liebt, als ihm der Gral zugewiesen hat, wird er von einem Heiden mit einer vergifteten Lanze im Zweikampf verwundet und wird mit „Drangsal und beklagenswertem Herzeleid bestraft“ (IX, S. 83).

Bei bestimmten Konstellationen der Gestirne oder bei Mondwechsel leidet der König besonders stark und „sein Körper wird kälter als der Schnee“ (IX, S. 101). Dann wird die vergiftete Lanzenspitze wieder auf seine Wunde gelegt und danach mit den beiden Silbermessern gereinigt (IX, S. 103), die Parzival bereits bei seinem ersten Kontakt mit dem Gral bemerkt. Am nahegelegenen See Brumbane lüftet er seine Wunden, weshalb es die „Mär“ (IX, S. 103) gibt, dass er ein Fischer sei. In einer solchen Situation trifft ihn auch Parzival an. Auch er glaubt, einen Fischer vor sich zu haben.

Aufgrund seiner Wunde kann Anfortas „nicht reiten, nicht gehen, nicht liegen und nicht stehen, er kann nicht richtig sitzen, lehnt nur halb und kennt seinen jammervollen Zustand genau“ (IX, S. 103). Er kann nur durch die Mitleidsfrage, die ihm Parzival stellen muss, von seinem Leiden erlöst werden.

Anfortas fordert von seinen Gefolgsleuten, dass sie ihn töten sollen, da er durch den Anblick des Grals nicht sterben kann (XVI, S. 605-607). Diese aber weigern sich, da sie zuerst auf Parzival warten wollen, damit er die Mitleidsfrage stellt. Als er von Parzival durch die Frage „Oheim, was fehlt dir?“ (XVI, S. 619) bei ihrer zweiten Begegnung erlöst wird, erstrahlt seine Schönheit aufs Neue so sehr, dass selbst diejenige von Parzival nicht mithalten kann (XVI, S. 619).

Nach seiner Erlösung und Parzivals Ernennung zum Gralskönig will sich Anfortas nun in „Demut“ (XVI, S. 659) üben und seine Gedanken in Zukunft „nie mehr auf Macht, Reichtum und Frauenliebe richten“ (VXI, S. 659).

Antikonie

Antikonie ist die Nichte von Gahmuret und damit die Cousine von Parzival (VIII, S. 689). Sie ist die Schwester von Vergulacht, dem König von Ascalun, und lebt mit diesem in der Stadt Schanpfanzun (VIII, S. 685). Sie ist eine „Jungfrau, die alle Vorzüge weiblicher Schönheit ihr eigen nennt“ (VIII, S. 685).

Als Gawan in der Stadt ankommt, wird er von ihr empfangen, da sich ihr Bruder noch auf der Falkenjagd befindet. Aus dieser Begegnung wird schnell eine intime Szene, die aber kurz vor ihrem Höhepunkt durch einen weißhaarigen Ritter unterbrochen wird (VIII, S. 693). Daraufhin wird der unbewaffnete Gawan von einem wütenden Mob angegriffen und Antikonie stellt sich an seine Seite. Mit einem Holzriegel und einem Schachspiel verteidigen sie sich erfolgreich gegen die Angreifer. Antikonie wirft bei diesem Kampf treffsicher mit Schachfiguren, sodass „jeder, den ein Wurf traf, unweigerlich zu Boden sank“ (VIII, S. 695). Sie kritisiert nach dem Kampf heftig das unritterliche Verhalten ihres Bruders (VIII, S. 703-705).

Arnive

Arnive ist die Mutter von König Artus und mit König Utepandragun verheiratet. Sie ist mit einem „zauberkundigen Pfaffen“ (II, S. 117) fortgegangen und wird vom Zauberer Clinschor auf dessen Zauberburg gefangen gehalten, bis sie von Gawan befreit wird. Sie ist es, die durch ihre medizinischen Kenntnisse nach dem Kampf Gawans auf dem Lit merveile „den Ritter [Gawan] rettete und dem Tod entriß“ (XII, S. 243).

Arnive wird aber auch als eine neugierige Person beschrieben. Sie versucht, den Inhalt und die Bestimmung der Botschaft von dem Boten zu erfahren, den Gawan nach der Eroberung der Zauberburg Clinschors an den Hof von König Artus schickt (XII, S. 333; XIII, S. 377-379). Arnive ist „erzürnt darüber, daß der Knappe ihr nicht gesagt hatte, wohin er reiten sollte“ (XIII, S. 335), und beauftragt die Wache, den Boten bei seiner Rückkehr abzufangen. Doch auch dieser Versuch bleibt ohne Erfolg.

Artus

König Artus ist der Sohn von Utepandragun und Arnive (II, S. 117) und Vater von Ilinot (VII, S. 649). Er ist der König der Tafelrunde und Herrscher der Bretonen. Seine Ehefrau heißt Ginover, sein Schlachtruf ist „Nantes“ (VII, S. 649). Seine Neffen sind Gawan und Beacurs. Als Parzival das erste Mal in einem Wald auf Ritter trifft, berichten diese ihm von dem sagenumwobenen König Artus und seinem Hofstaat. Dies weckt im jungen Parzival den tiefen Wunsch, selbst ein Ritter zu werden. Seine erste Begegnung mit dem höfischen Leben ist daher auch der Hof von König Artus (III, S. 253 ff.). Später ist es König Artus selbst, der Parzival sucht, da er ihn zu einem Ritter der Tafelrunde erheben will (VI, S. 515-517). Die beiden Begegnungen von Cundry und Parzival finden beide in der Gesellschaft von König Artus statt.

Baruc

Baruc ist der König von Bagdad und der mächtigste Herrscher der Welt. Gahmuret erfährt, dass ihm „Zwei Drittel der Erde oder mehr“ (I, S. 27) untertan sind, und schließt sich ihm daher an, da er nur dem mächtigsten Herrscher der Welt dienen will.

Baruc ist so mächtig, dass selbst „viele Könige in seine Dienste traten“ (I, S. 27). Er verleiht Gahmuret das Wappen mit dem Anker (I, S. 29-31). Später wird Gahmuret in seinen Diensten fallen.

Beacurs

Beacurs ist der Sohn von König Lot (I, S. 71) und damit der Bruder Gawans. Er wird als ein sehr schöner Mann beschrieben. Nur Kaylet und Parzival können sich mit seiner Schönheit messen (I, S. 71). Als Gawan von Kingrimursel herausgefordert wird, will er an der Stelle seines Bruders kämpfen, was dieser aber ablehnt (VI, S. 549).

Belakane

Die Mohrenkönigin und Sarazenin Belakane ist die erste Frau Gahmurets und damit die Mutter von Feirefiz, dem Halbbruder Parzivals. Sie ist die Königin von Zazamanc. Sie wird von der Verwandtschaft von Isenhart belagert, die dessen Tod rächen will, da er im Kampf um die Liebe Belakanes fiel (I, S. 49-51). Im Zuge dieser Belagerung lernt sie Gahmuret kennen, der sich auf ihre Seite schlägt und ihr dabei hilft, die Belagerung zu beenden. Später heiratet sie Gahmuret und zeugt mit ihm den elsterngleichen Feirefiz. Als sie im dritten Monat schwanger ist, wird sie von Gahmuret verlassen (I, S. 97), da sie nicht getauft ist und er weitere Kämpfe bestehen möchte. Daraufhin merkt Belakane an, dass sie sich „gern taufen lassen und ganz nach seinem Willen leben“ (I, S. 101) möchte, doch sie wird Gahmuret nie wiedersehen.

Clamide

Der König von Brandigan heißt Clamide (IV, S. 315), sein Pferd heißt Guverjorz (IV, S. 357). Sein Vetter ist Grigorz, König von Ipotente (IV, S. 357), der ihn im Kampf gegen Condwiramurs unterstützt. Clamide möchte Condwiramurs heiraten, wird aber von ihr abgelehnt. Daraufhin belagert er die Stadt Pelrapeire, bis er im Zweikampf von Parzival bezwungen wird (IV, S. 363). Nachdem er die Forderung von Parzival erfüllt hat und zu Artus geritten ist, unterwirft auch er sich Cunneware (IV, S. 371) und heiratet diese später (IV, S. 555-557, S. 571).

Clinschor

Clinschor ist ein Zauberer, der auf seiner Zauberburg Schastel marveile viele Menschen gefangen hält. Seine Heimat ist Terre de Labur und er entstammt dem Geschlecht des Virgilius von Neapel, aus dem auch seine Zauberkraft stammt. Er herrschte über die Hauptstadt Capua (XIII, S. 383).

Clinschor betrügt den König Ibert mit dessen Frau Iblis und wird zur Strafe kastriert (XIII, S. 385). Daraufhin reist er in das Land Persida, in welchem die Zauberei erfunden wurde, und lernt dort seine Zauberkünste (XIII, S. 385-387). Als er den König Irot von Rosche Sabbins in Bedrängnis bringt, bietet dieser ihm seinen Besitz an. So gelangt Clinschor in den Besitz des Felsenbergs, auf dem er sein Zauberschloss errichtet (XIII, S. 387). Er hat „Macht über alle bösen und guten Geister, die zwischen Himmel und Erde wohnen, es sei denn, sie stehen unter Gottes Schutz“ (XIII, S. 387).

Clinschor „übt die Kunst der Nigromantie [aus] und zwingt mit seiner Zauberkraft Frauen und Männern seinen Willen auf“ (XII, S. 317). Dabei kann sich „Kein Edler, der ihm unter die Augen gerät“ (XII, S. 317) vor seinem Zauber retten. Mit Orgeluse h...

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