Sprachlosigkeit und gestörte Kommunikation

Charakteristisch für den Roman ist das Scheitern der Kommunikation zwischen den unterschiedlichen Romanfiguren. Sie gehen aneinander vorbei, ohne reden zu können, obwohl sie den Wunsch haben, miteinander zu sprechen. Andere versuchen es, verpassen sich oder scheitern dabei. Beziehungen zwischen den Menschen können manchmal wegen einer Ehekrise oder wegen der sozialen oder gesellschaftlichen Umstände nicht etabliert werden. In anderen Fällen sind es Schüchternheit, Mangel an Empathie oder Vorurteile, die die verschiedenen Personen davon abhalten, miteinander zu reden und sich zu verstehen. Diese Problematik betrifft fast alle Figuren des Werkes. Anhand verschiedener Situationen, die die einzelnen Figuren erleben, als Ausgangspunkt werden die Sprachlosigkeit und die gestörte Kommunikation exemplarisch beleuchtet.

Die schwangere Carla und ihre Mutter sind ein gutes Beispiel für ein misslungenes Treffen. Auf dem Weg zur Klinik, in der Carla eine Abtreibung vornehmen lassen will, zweifelt sie. Sie überlegt, ob es Liebe, Verzweiflung oder Gewohnheit ist, die sie mit Washington verbindet. Sie möchte mit ihrer Mutter über ihre Situation und ihre Schwangerschaft sprechen, bevor sie in die Klinik geht. Sie möchte einen guten Rat von ihr.
Frau Behrend sitzt im Domcafé, wo sie sich nachmittags häufig mit ihren Gesinnungsgenossen aufhält. Sie sieht ihre Tochter Carla im Schein einer roten Ampel. Frau Behrend hält sie für eine Verlorene, die mit einem „Neger“ zusammenwohnt. Frau Behrend denkt über die „Schande“ ihrer Tochter nach, sich mit einem „Neger“ zu verbinden und sich von ihm schwängern zu lassen, aber auch über das Verbrechen, das Kind töten zu wollen. Sie wünscht ihre Tochter nach Amerika. Es ist ihr gleichgültig, wie Carla sich entscheidet. Der Gedanke, in der Öffentlichkeit von ihren Bekannten mit Carla gesehen zu werden, beunruhigt Frau Behrend. Sie hat ihrer Tochter nichts mehr zu sagen. Sie will Carla, ihr Kind oder ihren Mann nicht in diesem, „ihrem“ Café sehen. Frau Behrend möchte in Frieden gelassen werden.
Carla ahnt die Gedanken ihrer Mutter. Der Wunsch, mit der Mutter zu sprechen, erstirbt, als sie ihr kaltes, fischähnliches Gesicht sieht. Frau Behrend erlebt ihre Tochter wie einen „Domturm“ vor sich stehend (S.120). Carla und ihre Mutter sitzen schweigend im Kaffeehaus. Sie trennen sich förmlich vor dem Café, ohne sich ausgesprochen zu haben. „Carla drehte sich um, blickte noch einmal nach ihrer Mutter aus, doch Frau Behrend hatte feige mit schnellen Schritten, das Unheil fliehenden Schritten, und, ohne sich noch einmal nach der Tochter umzusehen, den Domplatz schon verlassen“(S.134).

Frau Behrends egoistische, ausländerfeindliche und rassistische Grundeinstellung hat zu...

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