Zeitroman

Wolfgang Kroeppens "Tauben im Gras" kann als Zeitroman gesehen werden, denn er ist eindeutug in der Nachkriegszeit und somit dem wurzellosen Gefühl der "Stunde Null" verankert. Trotzdem hat der Roman noch mehr zu bieten: Er ist ein sehr persönliches Buch, das viel mit den Erfahrungen Kroeppens zu tun hat und dem Zeitroman deshalb noch eine persönliche Ebene hinzufügt. 

Literatur der „Stunde Null“

Nach dem Zweiten Weltkrieg entsteht in Deutschland und in Österreich eine neue Literatur, in welcher die Folgen der NS-Diktatur inhaltlich den Schwerpunkt bilden. Viele Schriftsteller kehren nach innerer oder äußerer Emigration während der NS-Herrschaft in die Öffentlichkeit zurück. Die Mehrzahl der Autoren beschäftigt sich mit der unvorstellbaren Grausamkeit und den Zerstörungen, die im Namen des deutschen Volkes aus rassistischen oder nationalen Gründen verübt worden sind. Sie schreiben Romane, Kurzgeschichten, Dramen und Gedichte, die einem breiten Publikum bekannt werden. Die heute unter dem Epochenbegriff der „Trümmer- oder Kahlschlagliteratur“ bekannten Veröffentlichungen haben zum einen eine genaue Analyse der Wahrheit, also der Not in Ruinenstädten und des Schicksals von Menschen, die vor dem Trümmerhaufen ihrer Existenz standen, vorgenommen, zum anderen die Frage nach der Schuld am Krieg, dem Holocaust und der Kritik an politischer und gesellschaftlicher Restauration Deutschlands aufgegriffen. In gewollt kargen und direkten Beobachtungen wird das Geschehene und das Existierende genau erfasst, durch eine lakonische Sprache, die die zertrümmerte und kahle Welt beschreibt, aber nicht bewertet, sowie durch eine episodenhafte Beschränkung des Raums, der Erzählzeit und der Personen.

Bezüge des Zeitromans

Koeppens Romane nehmen eine Sonderstellung in der Literatur der Nachkriegszeit ein. „Tauben im Gras“ sowie die zwei anderen Romane der Trilogie belegen die Illusion der Literatur der „Stunde Null“. Man kann nicht einfach von vorne anfangen und die Vergangenheit des Dritten Reichs schnell vergessen. Der Optimismus des Wiederaufbaus, die Etablierung einer neuen demokratischen und politischen Struktur sowie der Anfang des Wirtschaftswunders sind in den Koeppens Romanen nicht zu erkennen. In „Tauben in Gras” erscheinen die Figuren nicht als Repräsentanten eines Neubeginns, sondern vielmehr als umherirrende Menschen einer Gesellschaft, die aus der leidvollen Vergangenheit nichts gelernt hat. Koeppen zeichnet ein düsteres Panorama der Nachkriegsgesellschaft, schildert die Angst und die Desorientierung der Menschen und verdeutlicht die seelischen Folgen des Nationalsozialismus und die Gefahr eines neuen Weltkrieges. Zwar beschreibt er das Elend der Menschen und siedelt die Handlung seines Romans teilweise in Ruinen an, aber das macht sein Buch nicht zum Bestandteil der Trümmerliteratur, denn sein metaphernreicher und assoziativer Stil ist das Gegenteil des Stilideals der Kahlschlagautoren. Der Roman hingegen weist typische ...

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