Ordnung und Chaos

Gesellschaftliche und rechtliche Ordnung

Zu Beginn des Dramas scheint sich die schottische Welt im Gleichgewicht zu befinden. Der schottische König Duncan regiert als ein gerechter, großzügiger und frommer Herrscher. Er ist der rechtmäßige, durch seine Geburt legitimierte König.

Die schottische Welt ist durch eine stringente Ordnung geregelt (vgl. Göttliche Ordnung). Duncan steht als rechtmäßiger König an der Spitze des gesellschaftlichen Systems, sein Sohn Malcolm sichert die Thronfolge ab. Seine Untertanen dienen ihm fast alle als treue Lehnsmänner: Die schottischen Thans erhalten ihr Lehen direkt vom König und verteidigen ihn dafür gegen äußere Bedrohungen, beispielsweise gegen das norwegische Heer und die abtrünnigen Rebellen im Inneren des Landes.

Die Beziehung zwischen dem König und seinen Untertanen beruht auf einer ausgeglichenen Ordnung: Einerseits erkennen sie ihn alle als ihren obersten Herrscher und Befehlshaber an, andererseits herrscht eine geradezu intime Vertrautheit zwischen dem König und seinen Thans (vgl. S.18ff.). Dadurch kann sich Duncan die Unterstützung seiner Getreuen sichern.

Die geklärte Rangordnung sichert den Frieden zwischen den Mitgliedern des gesellschaftlichen Systems. Jeder nimmt einen bestimmten Stand ein, über den er sich nicht erheben kann. Kleine Aufstiegschancen sind dennoch möglich: Für seinen herausragenden Einsatz in der Schlacht wird Macbeth beispielsweise mit einem weiteren Than-Titel ausgezeichnet (vgl. S.10f.). Leistungen werden also durchaus belohnt.

Im ersten Akt ist noch klar ersichtlich, was Recht und Unrecht ist. Denn Duncan verkörpert einen gerechten und rechtmäßigen Herrscher. Wer seine Befehle befolgt, ihn verteidigt und für ihn einsteht, kann sich sicher sein, dass er rechtmäßig handelt. Unrechtmäßigkeiten und Verstöße gegen das Recht werden hingegen schwer geahndet. Der abtrünnige Than von Cawdor wird z.B. im ersten Akt hingerichtet, weil er sich mit dem norwegischen Heer gegen sein Land und seinen König verbündet hat (vgl. S.18). Schottlands Wohlergehen scheint das höchste Ziel zu sein.

Der Königsmord

Den Wendepunkt von der Ordnung zum Chaos kündigen die drei Hexen bereits in der ersten Szene an. Sie nehmen sich vor, als dunkle Geschicke in den Lauf der Welt einzugreifen und das Wohlergehen Schottlands ins Gegenteil zu verkehren. Dazu verkünden sie ihren Leitspruch: „Schön ist hässlich, hässlich schön.“ (S.7). Sie zögern nicht lange. Schon im ersten Akt suchen sie Macbeth auf und verheißen ihm, dass er der zukünftige König sein wird (vgl. S.13). Damit stacheln sie seinen Ehrgeiz und seine Machtgier an und motivieren ihn zum Mord an Duncan.

Mit dem Mord an Duncan zerstört Macbeth dann endgültig die Ordnung der schottischen Welt. Selbst d...

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