Trauerspiel oder Tragödie

Die antike Tragödie

Unser heutiges Verständnis der antiken Tragödie wird zu großen Teilen durch die „Poetik“ des Aristoteles geprägt. Viele seiner Vorstellungen gelten bis ins 18. Jahrhundert hinein als normative Vorgaben für das Verfassen von Tragödien. Einige Kernaspekte sollen im Folgenden betrachtet werden.

Eine Tragödie nach aristotelischem Verständnis stellt den schrittweisen Niedergang eines Helden dar. Damit der Untergang des Helden auf die Zuschauer noch tragischer wirken kann, muss er der gesellschaftlichen Oberschicht entstammen. Meistens handelt es sich bei ihm um einen Fürst oder König, für den es eine historische oder mythologische Vorlage gibt.

Eine Tragödie ist nach Aristoteles darauf angelegt, eine Handlung nachzuahmen. Sie soll keinem schlichten Bericht gleichen, sondern wortgewandt formuliert sein, damit sie das Publikum besser erreichen kann. Denn jede Tragödie soll eine bestimmte Wirkung auf die Zuschauenden ausüben: Sie soll Mitleid (eleos) und Furcht (phobos) bei ihnen erregen.

Mitleiden könne man aber nur mit einem Menschen, der sein Übel nicht verdient hat und mit dem man sich wenigstens ansatzweise identifizieren kann. Und Furcht bezeichnet die Angst davor, selbst von einem ähnlichen Unheil wie der Protagonist ereilt zu werden. Von beiden Gefühlszuständen soll das Publikum durch das Angucken der Tragödie befreit werden, Aristoteles verwendet dazu den griechischen Begriff Katharsis.

Aristoteles geht in seiner „Poetik“ auch kurz auf die Form des Dramas ein. Um dem Aspekt der Nachahmung gerecht zu werden, müsse die Handlung in sich geschlossen sein. Er schlägt vor, die Handlung nicht über die Länge eines Tages hinaus auszudehnen und die Tragödie in mehrere Abschnitte zu unterteilen.

Das bürgerliche Trauerspiel

Die Begriffe „Trauerspiel“ und „Tragödie“ werden bis ins 19. Jahrhundert hinein als Synonyme gebraucht. Schon im 17. Jahrhundert wurde der Begriff „Trauerspiel“ vom barocken Dichter Martin Opitz als Eindeutschung des Tragödienbegriffs verwendet. Erst ab 1800 wird klar zwischen den beiden Begriffen differenziert. Die Tragödie wird als die „griechische Darstellung eines mythischen Schicksals“ verstanden, das Trauerspiel dient der Darstellung „historischen Unglücks im christlichen Zeitalter“.[1]

Als erstes bürgerliches Trauerspiel im deutschsprachigen Raum gilt Lessings 1755 aufgeführtes Werk „Miß Sara Sampson“. Das bürgerliche Trauerspiel bricht mit der Ständeklausel. Seine Handlung lässt sich nicht mit der einer klassischen Tragödie vereinbaren. Es spielt nicht im Bereich der höfisch-politischen Bühne, sondern der bürgerlich-privaten und handelt von den Konflikten der unterschiedlichen Stände und von ihren verschiedenen Moralvorstellungen und Forderungen, wie in Schillers „Kabale und Liebe“ oder Lessings „Emilia Galotti“.

Das bürgerliche Trauerspiel verkörpert in der Periode der Aufklärung die Emanzipation des Bürgertums und ist oft gesellschaftskritisch ausgerichtet. Nicht nur Könige und Fürsten treten in den Stücken auf, sondern auch Mitglieder der bürgerlichen Gesellschaft. Folglich stehen die Belange des Staates, die von den Adligen in der Tragödie verhandelt werden, nicht länger im Mittelpunkt. Der Fokus richtet sich auf das Privatleben, insbesondere auf die Familie. Die Hauptprotagonisten sind meist weiblich und einfühlend. Die fiktiven Geschichten sollen Mitleid erregen und sind durch Emotionalität gekennzeichnet.  Die ambivalente...

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