Wahnsinn und Melancholie

Schock und Lethargie

Die Begriffe Wahnsinn und Melancholie sind in erster Linie nicht miteinander verbunden. Wahnsinn bezeichnet sowohl ein unsinniges und unvernünftiges Denken und Handeln als auch eine psychische Störung, Melancholie ist hingegen ein Begriff für Niedergeschlagenheit und Depressivität.

Beiden Begriffen ist aber gemeinsam, dass sie einen negativen Beiklang haben und sich gegenseitig bedingen können. Wahnsinniges Verhalten kann, langfristig gesehen, zu Depressivität und Niedergeschlagenheit, Niedergeschlagenheit und Depressivität hingegen zu wahnsinnig anmutendem Handeln führen.

Zu Beginn des ersten Ak…

...

Eingreifen des Geistes

Als der Geist von Hamlets verstorbenem Vater ihm offenbart, von Claudius hinterhältig ermordet worden zu sein, wird Hamlet kurzzeitig aus seiner anfänglichen Lethargie herausgerissen. Er verliert die Fassung und wirkt beinahe fiebrig, als er seinen Hass auf Claudius und Gertrude in Worte fasst. Er scheint seinen Onkel bildlich vor sich zu sehen und redet ihn wie im Wahne an: „Da steht Ihr, Oheim“ (S.38).

Nicht nur die Zeit, auch er selbst scheinen kurzzeitig aus den Fugen geraten zu sein. Als s…

...

Hamlets vorgetäuschte Wahnsinn

Hamlets Ausbrüche von Wahnsinn sind im weiteren Dramenverlauf folglich kalkuliert, damit er unentdeckt die Wahrheit über den Tod seines Vaters herausfinden kann. Vor allen Mitgliedern der Hofgesellschaft, ausgenommen Horatio und Marcellus, setzt Hamlet seine Pläne, einen Wahnsinnigen zu spielen, sogleich in die Tat um.

Hamlet präsentiert sich Ophelia in verwahrlost aussehender Kleidung (vgl. S.45) und tut so, als habe er sie nie geliebt (vgl. S.76), er beleidigt Polonius mit unzusammenhängenden Aussagen und antwortet ihm nur kryptisch auf seine Fragen (vgl. S.54ff.) und er bedenkt auch Claudius und Gertrude nur mit scheinbar verrückten Äußerungen.

Als …

...

Der melancholische Prinz

Die Racheforderung des Geistes ruft bei Hamlet neue Selbstzweifel hervor. Er fühlt sich untätig, feige und unentschlossen: „Ich hege Taubenmut, mir fehlt’s an Galle“ (S.70). Die Forderung seines verstorbenen Vaters hat in ihm folglich keinen zügellosen Rachedurst geweckt, sondern ihn in eine neue Form der Verzweiflung getrieben.

Hamlet kann nicht damit aufhören, das Leben wie durch einen düsteren Schleier zu betrachten. Der einzige Vorzug, den das Leben seiner Meinung nach besitzt, besteht darin, dass es voraussehbarer als der Tod ist – ansonsten bestehe es nur aus…

...

Ophelias realer Wahnsinn

Nach der Ermordung ihres Vaters vollzieht sich an Ophelia eine so einschneidende Veränderung, dass sie kaum mehr wiederzuerkennen ist. Sie ist nicht länger fügsam und zurückhaltend, sondern singt und redet ungehemmt vor sich hin. Horatio nennt ihren Zustand „erbarmenswert“ (S.119). Anders als bei Hamlets bewusst vorgetäuschtem Wahnsinn weiß der Zuschauer nicht, was es mit Ophelias radikaler Wandlung tatsächlich auf sich hat. Sie bekommt keine Monologe gewährt, in denen sie ihre wahren Motive offenbaren könnte.

Es ist gut möglich, dass sie nach dem Tode ihres Vaters tatsächlich in einen wahnsinnigen Zustand verfallen ist. In ihren Liedern und Aussagen spielt sie jedenfalls fast durchgehend auf seinen Tod an: „Er ist lange tot und hin, tot und hin, …

Der Text oben ist nur ein Auszug. Nur Abonnenten haben Zugang zu dem ganzen Textinhalt.

Erhalte Zugang zum vollständigen E-Book.

Als Abonnent von Lektürehilfe.de erhalten Sie Zugang zu allen E-Books.

Erhalte Zugang für nur 5,99 Euro pro Monat

Schon registriert als Abonnent? Bitte einloggen