Schein und wahres Sein

Claudius: Der väterliche und kluge Regent

Schon durch Claudius‘ Verhalten am Anfang des Dramas wird verdeutlicht, wie groß der Unterschied zwischen Schein und Sein bei Hofe ist. Zu diesem Zeitpunkt wissen auch die Zuschauer noch nichts von Claudius‘ hinterhältigem Brudermord. Claudius ist sehr darum bemüht, den Schein eines friedfertigen Herrschers zu wahren. Auf die Kriegsandrohung des jungen Norwegerprinzen Fortinbras reagiert er mit einem diplomatischen Schreiben (vgl. S.15), umschmeichelt seinen Diener Polonius mit einer kleinen Lobrede (vgl. S.16) und tut so, als sei er aufrichtig um Hamlets Wohlergehen besorgt (vgl. S.18). Er bezeichnet seine Zuneigung zu ihm sogar als väterliche Liebe.

Bei seiner öffentlichen Hochzeitsrede tut Claudius scheinheilig so, als würde er den Tod seines Bruders noch immer betrauern, müsse nun aber – als kluger Regent – ungehindert mit den Regierungsgeschäften fortfahren und die öffentliche Trauerzeit beenden: „Wiewohl von Hamlets Tod, des werten Bruders, noch das Gedächtnis frisch (…) so weit hat Urteil die Natur bekämpft, dass wir mit weisem Kummer sein gedenken, zugleich mit der Erinnrung an uns selbst“ (S.14).

Claudius: Der lächelnde Schurke

Claudius ist in Wirklichkeit ein Verräter und Mörder, dessen Gier nach Macht ihn so weit getrieben hat, dass er für sie sogar seinen eigenen Bruder ermordet hat (vgl. Macht und Korruption). Er ist folglich überdurchschnittlich eigennützig, brutal und skrupellos. Für die Hofgesellschaft und das dänische Volk ist es jedoch nicht einfach, sein wahres Wesen zu durchschauen. Nach außen hin präsentiert sich Claudius nämlich als ein gutmütiger, friedvoller und väterlicher Herrscher.

Hamlet ist schon vor der Enthüllung des Geistes nicht von Claudius angetan. Allerdings scheint er noch keinen Verdacht gegen ihn zu hegen, sondern lediglich zu bedauern, dass er seine Mutter zu einer erneuten Hochzeit verleitet hat (vgl. S.20). Als Hamlet kurz darauf erfährt, wie hinterhältig und kaltblütig sein Vater von Claudius ermordet wurde, muss er sichtlich um Fassung ringen: „O Schurke! lächelnder, verdammter Schurke! Schreibtafel her! Ich muss mir’s niederschreiben, dass einer lächeln kann, und immer lächeln, und doch ein Schurke sein“ (S.38).  Er hat das heuchlerische Spiel seines Onkels zuvor eindeutig nicht durchschaut und ist nun ehrlich von dessen Verlogenheit überrascht.

Hamlets wahre Trauer

Hamlet ist einer der wenigen Charaktere, der durchschaut, dass die äußere Erscheinung eines Menschen nicht zwangsläufig korrekte Rückschlüsse auf dessen tatsächliches Innenleben ermöglicht. Als seine Mutter ihn zu Beginn des Dramas fragt, warum der Tod seines Vaters ihm so besonders erscheint, ist Hamlet erzürnt und antwortet: „Scheint, gnäd’ge Frau? Nein, ist: mir gilt kein scheint“ (S.17). Hamlet will seiner Mutter damit zu verstehen geben, dass er aufrichtig um den Tod seines Vaters trauert und die Trauer nicht einfach wie ein Gewand abstreifen kann.

Hamlets Trübsinn ist auch nach außen hin beobachtbar, er ist in dunkle Trauergewänder gehüllt. Der junge Prinz beklagt den Tod seines Vaters also auch öffentlich, a...

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