Rache und Gerechtigkeit

Hamlets Racheauftrag

Als Hamlet vom Geist seines verstorbenen Vaters erfährt, dass Claudius ihn gewaltsam ermordet hat, nimmt er sich vor, sich von nun an von nichts anderem als dem ihm gestellten Racheauftrag leiten zu lassen: „Dein Gebot soll leben ganz allein im Buche meines Hirnes, unvermischt mit minder würd’gen Dingen“ (S.38).

Die Ungerechtigkeit, die seinem Vater widerfahren ist, ist besonders perfide: Er wurde „ohne Nachtmahl, ungebeichtet, ohne Ölung“ (S.37) in den Tod geschickt und sei deshalb dazu verdammt, tagsüber im Fegefeuer zu schmoren und nachts als Geist herumzuwandern. Das jenseitig fortdauernde Elend seines Vaters liefert Hamlet einen noch größeren Grund, die ihm gestellte Racheforderung nicht abzulehnen. Er fühlt sich dazu berufen, die Gerechtigkeit in Dänemark wiederherzustellen: „Die Zeit ist aus den Fugen: Schmach und Gram, dass ich zur Welt, sie einzurichten, kam!“ (S.41).

Hamlet ist jedoch ein besonnener Mann, er lässt sich nicht sofort von seiner Impulsivität und von seinen Rachegefühlen steuern. Anstatt seinen Onkel Claudius umgehend mit der Anschuldigung seines Vaters zu konfrontieren, nimmt er sich vor, dessen Schuld erst eigenhändig zu überprüfen. Er täuscht sogar eine wahnsinnige Wesensart vor, um ungestörter ermitteln zu können. Seine Untätigkeit quält ihn jedoch. Er verflucht sich dafür, seinem, für ihn beinahe göttlichen Auftrag nicht mit einer größeren Entschlossenheit nachzugehen: „(…) dass ich, der Sohn von einem teuren Vater, der mir ermordet ward, von Höll‘ und Himmel zur Rache angespornt, mit Worten nur (…) muss mein Herz entladen“ (S.70).

Anders als in anderen elisabethanischen Rachedramen, wie zum Beispiel „Der Spanischen Tragödie“ von Thomas Kyd, nutzt Hamlet die Schauspielaufführung, das Stück im Stück, nicht dazu, das Objekt seiner Rache umzubringen. Er will sich lediglich zunächst endgültige Gewissheit über dessen Schuld verschaffen.

Nach der Aufführung der Schauspieler, die ein fingiertes Theaterstück aufführen, das der Ermordung von Hamlets Vater gleicht, kann sich Hamlet sicher sein, dass Claudius seinen Vater tatsächlich ermordet hat. Genau an der Stelle, an der der König im Stück ermordet wird, bricht er die Aufführung mit bleichem Gesicht ab und muss den Raum umgehend verlassen (vgl. S.91). Hamlet hat nun keinen Grund mehr, seine Rache hinauszuzögern.

Hamlets Zögern

Kurz nach der Aufführung trifft er Claudius alleine im Gebet an und wägt lange ab, ob es gerecht wäre, ihn in diesem Augenblick zu ermorden. Die Szene, in der Hamlet zögert und sich schließlich gegen eine Ermordung entscheidet, kann auf zwei unterschiedliche Arten interpretiert werden.

Zum einen ist es möglich, dass Hamlet wirklich denkt, er könne seinen Vater nur dann rächen, wenn er Claudius bei einer sündhafteren Tätigkeit ermordet. Hamlet hadert folglich mit der Frage, auf welche Weise Gerechtigkeit wiederhergestellt werden kann. Sein eigener Vater ist dazu verdammt, in der Hölle zu schmoren, weil er vor seinem Tod keine letzte Beichte ablegen konnte.

Für Hamlet stellt sich nun die Frage, ob er Claudius dasselbe Schicksal zuteilwerden lassen muss, um vollständig gerächt zu sein: „(…) und bin ich dann gerächt, wenn ich in seiner Heiligung ihn fasse, bereitet und geschickt zum Übergang? Nein“ (S.100). Er nimmt sich vor, Claudius nur dann zu ermorden, wenn er ihn in einer Tätigkeit antrifft, die ihn aller Wahrscheinlichkeit nach direkt in die Hölle befördert.

Für ein christliches Publikum wäre die gerade dargestellte Lesart an Grausamkeit kaum zu übertreffen. Sie würde Hamlet als einen ruchlosen und gottlosen Rächer erscheinen lassen, der sich anmaßt, selbst darüber entscheiden zu können, wer in den Himmel und wer in die Hölle gelangt.

Tatsächlich erweist sich Hamlet an dieser Stelle als ungewöhnlich grausam. Bis zu dieser Stelle hat er seinen Onkel nicht einmal mit Worten attackiert. Dass es ihm nun nicht mehr nur reicht, ihn umzubringen, sondern dass er sich nur dann gerächt fühlt, wenn Claudius in die Hölle kommt, scheint kaum mit seinem bisherigen Charakter vereinbar zu sein. Es ist daher auch vorstellbar, dass Hamlet es zu diesem Zeitpunkt noch nicht über sich bringen kann, einem anderen Menschen, auch wenn es sein mörderischer Onkel ist, das Leben zu nehmen, aber sein Verhalten ändert sich bald.

Hamlets Rache ohne Zögern und Reue

Seinen ersten Mordanschlag verübt Hamlet bereits wenige Augenblicke später. Als er bei einem heftigen Wortgefecht mit seiner Mutter eine Person bemerkt, die sich im Zimmer versteckt hat, sticht er, ohne zu zögern, deshalb zu, weil er diese Person fälschlicherweise für seinen Onkel hält. Er ist zu diesem Zeitpunkt so wütend und rasend ist, dass er sich nicht mehr unter Kontrolle hat.

Polonius‘ Tod ist für ihn aber kein Grund zur Reue. Er kann ihn nicht davon abhalten, seine heftige Anklage gegen Gertrude fortzusetzen. Als Hamlets Rache einen zu weiten Bogen zu schlagen droht, erscheint ihm der Geist seines verstorbenen Vaters erneut. Er verschärft zwar seine Racheforderung, fordert Hamlet aber auch zur Mäßigung gegenüber seiner Mutter auf (vgl. S.105).

Trotz der mahnenden Worte des Geistes kann nicht verhindert we...

Der Text oben ist nur ein Auszug. Nur Abonnenten haben Zugang zu dem ganzen Textinhalt.

Erhalte Zugang zum vollständigen E-Book.

Als Abonnent von Lektürehilfe.de erhalten Sie Zugang zu allen E-Books.

Erhalte Zugang für nur 5,99 Euro pro Monat

Schon registriert als Abonnent? Bitte einloggen