Opfer oder Täter

Hamlet

Opfer des Schicksals

Zu Beginn des Dramas ist der jungen Thronprinz Hamlet eindeutig das Opfer eines tragischen Schicksals. Er hat kürzlich seinen Vater verloren und muss nun mit ansehen, wie seine Mutter sich nach nur wenigen Wochen wieder neu vermählt – ausgerechnet mit seinem Onkel. Hamlet kann in seinem Leben keinen Sinn mehr entdecken, er ist zornig auf seine Mutter, verachtet seinen Onkel und fühlt sich in der Trauer um seinen Vater allein und isoliert.

Anstatt seinen Gefühlen öffentlich Ausdruck zu verleihen, staut er sie aber still in sich auf (vgl. S.19f.). Als Hamlet dann noch vom Geist seines verstorbenen Vaters erfährt, dass Claudius ihn hinterhältig ermordet hat und er Hamlet zur Rache auffordert, scheint die Rollenverteilung im Drama klar zu sein: Claudius ist der Bösewicht und Hamlet der Held, der durch die Erfüllung seiner Racheaufgabe die Gerechtigkeit in Dänemark wiederherstellen muss.

Anstatt sogleich einen glorreichen Rachefeldzug gegen Claudius zu planen, tut Hamlet erst einmal nichts, außer eine wahnsinnig anmutende Wesensart anzunehmen. Trotz seiner Lethargie kann ihm die Sympathie der Zuschauer gewiss sein. Er wirkt wie das Opfer seiner eigenen Gefühle, seiner eigenen melancholischen Art und Unschlüssigkeit, Eigenschaften, die er auch selbst erkennt: „Und ich, ein blöder, schwachgemuter Schurke, schleiche wie Hans der Träumer meiner Sache fremd“ (S.69).

Er ersinnt einen Plan, mit dessen Hilfe er sich während einer von ihm selbst manipulierten Theateraufführung von Claudius‘ Schuld überzeugen will. Dieses Vorgehen lässt ihn als einen umsichtigen Charakter erscheinen: Er will niemanden fälschlicherweise zur Rechenschaft ziehen (vgl. S.70), auch nicht seinen verdächtigen Onkel.

Der ironische Täter

Es wäre aber allzu leicht, Hamlet als das Opfer des Dramas zu bezeichnen. Bereits im dritten Akt hat er keine Skrupel, Ophelia durch eine wilde Reihe von Beleidigungen das Herz zu brechen (vgl. S.75ff.). Obwohl er sich wahrscheinlich aus ritterlichen Gründen von ihr distanziert (siehe Interpretation „Hamlet als Liebesgeschichte“), bezeichnet er sie nach seinem Ausbruch als „der Fraun elendeste und ärmste“ (S.78).

Hamlets Beleidigungen treffen nicht nur Ophelia. Auch Polonius, Gertrude und Rosenkranz und Güldenstern müssen Hamlets heftige verbale Attacken zeitweilig ertragen. Während seine verbalen Ausbrüche noch zu harmlos erscheinen, um ihn als Täter zu bezeichnen, ändert sich die Lage, sobald Hamlet auch zu körperlicher Gewalt greift und diese - und das ist sicher das Brisanteste daran - nicht einmal bereut.

Als Hamlet Claudius im Gebet beobachtet und abwägt, ob er ihn in dieser Situation ermorden soll, enthüllt er geradezu unchristliche Züge. Er will Claudius nur so ermorden, dass dieser auf jeden Fall in die Hölle kommt. Die Situation kann aber auch als Hamlets moralisch bedingtes Zögern interpretiert werden, einem anderen Menschen das Leben zu nehmen (vgl. Gerechtigkeit und Rache).

Die Situation ändert sich jedoch gravierend, als Hamlet Polonius ersticht. Ihm kann im ersten Moment zugutegehalten werden, dass er Polonius fälschlicherweise für Claudius gehalten und außerdem in einem Anfall von Rage gehandelt hat. Als Hamlet die Identität des Ermordeten entdeckt, ist er jedoch kaum schockiert, gerade einem anderen Menschen das Leben genommen zu haben. Er bedenkt Polonius nur mit den kalten Worten: „Du kläglicher, vorwitz’ger Narr, fahr wohl! Ich nahm dich für ‘nen Höhern: nimm dein Los, du siehst, zu viel Geschäftigkeit ist misslich“ (S.102).

Opfer und Täter

Kaum ist Hamlet ebenfalls in eine Täterrolle geschlüpft, wird ihm durch Claudius‘ mörderische Intrigen erneut die Opferrolle zuteil. Die Zuschauer erfahren im vierten Akt, dass Claudius Hamlet nach England schickt, um ihn dort bei seiner Ankunft ermorden zu lassen (vgl. S.116). Aufgrund einer dunklen Vorahnung findet Hamlet jedoch den Brief, der seine Hinrichtung verlangt, vor seiner Ankunft in England.

Anstatt den Brief einfach zu vernichten, schreibt er ihn allerdings so um, dass in ihm die Hinrichtung seiner ehemaligen Schulfreunde Rosenkranz und Güldenstern verlangt wird.  Anders als noch bei Polonius‘ Ermordung ist Hamlets neuer Schachzug nicht in der Hitze des Gefechts, sondern nach kühler Überlegung entstanden. Hamlet hat sich ganz bewusst dazu entschieden, die beiden Handlanger in den s...

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