Polonius

Der undurchsichtige Schmeichler

Polonius ist der königliche Oberkämmerer und nimmt damit eine sehr hohe Stellung am Hof in Helsingör ein. Als Oberkämmerer ist er der oberste Verwalter und vor allem für die Finanzen des Landes zuständig. Er selbst nennt sich einen „Staatsbeamte[n]“ (S. 54) und wird von König Claudius, der ihn für einen „Mann von Treu und Ehre“ (S. 52) hält, zuweilen auch als wichtiger Ratgeber herangezogen. Seine beiden Kinder Ophelia und Laertes genießen dank seiner hohen Stellung ebenfalls ein gutes Ansehen am Hof.

Hamlet hält ihn hingegen für einen „Schwätzer“ (S. 109) und einen „klägliche[n], vorwitz’ge[n] Narr[en]“ (S. 109). Polonius ist tatsächlich überheblich und eingebildet. Er hält sein eigenes Urteilsvermögen beispielsweise für unfehlbar: „Habt Ihr’s schon je erlebt, das möchte ich wissen, dass ich mit Zuversicht gesagt: „So ist’s“, wenn es sich anders fand?“ (S. 53).

Polonius ist ein sehr berechnender Charakter. Er weiß genau, dass seine Stellung am Hof vom Gutdünken des Königs abhängt, und ist deshalb sehr darum bemüht, sich mit ihm gutzustellen. In allen Bemerkungen der königlichen Familie gegenüber präsentiert er sich als unterwürfiger, gehorsamer und treuer Diener. Claudius hofiert er beispielsweise mit der Bemerkung: „Ja, seid versichert, bester Herr, ich halt auf meine Pflicht wie meine Seele, erst meinem Gott, dann meinem gnäd’gen König“ (S. 49) und tut vor ihm unterwürfig so, als habe er die Beziehung zwischen Ophelia und Hamlet nur deshalb unterbunden, weil Ophelia bei Weitem nicht gut genug für seinen Neffen Hamlet sei (vgl. S. 53). Dabei ist er, wie sich im Folgenden herausstellen wird, lediglich um die Ehre seiner eigenen Tochter besorgt.

Was ein Charakter wie Polonius wirklich über den König, die Königin oder Hamlet denkt, ist schwer zu durchschauen. Er hat die Rolle des gehorsamen und beflissenen Dieners so gut perfektioniert, dass es unmöglich ist, herauszufinden, was er hinter dieser Fassade wirklich über sie denkt. Sein Charakter offenbart sich dann viel klarer und eindeutiger, wenn er mit solchen Leuten spricht, denen er, gesellschaftlich gesehen, überlegen ist, zum Beispiel mit den Mitgliedern aus seiner eigenen Familie. Ihnen gegenüber lässt er seine schmeichelhafte Art fallen und enthüllt eine autoritäre und manipulative Persönlichkeit.

Der manipulative Familienvater

Als Vater ist Polonius natürlicherweise das Oberhaupt seiner kleinen Familie und füllt diese Position voller Hingabe und Enthusiasmus aus. Er macht keinen Hehl daraus, dass er sich für weitaus klüger und erfahrener als seine beiden Kinder hält, und scheint es als seine Aufgabe anzusehen, ihnen in jeder Lebenssituation mit Ratschlägen beiseite zu stehen.

Als sein Sohn Laertes zum Studieren nach Paris zurückkehrt, erteilt er ihm nicht nur seinen Segen, sondern gibt ihm auch ein ganzes Sammelsurium an Ratschlägen mit auf den Weg (vgl. S. 27f.). Er tut gerade so, als würde sein Sohn zum ersten Mal das familiäre Umfeld verlassen, obwohl Laertes schon eine Zeitlang allein in Frankreich gelebt hat.

Bereits an dieser Stelle offenbart Polonius einen ihm eigenen Charakterzug: Er schätzt sein eigenes Ur...

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