Gertrude

Die folgsame neuverheiratete Königin

Gertrude ist Hamlets Mutter und die Witwe des verstorbenen Dänenkönigs. Kurz nach dem Tod des Königs hat sie Claudius, den Bruder des toten Königs, und somit ihren Schwager „zur Eh’ genommen“ (S. 15). Durch die schnelle Eheschließung kann sie auch nach dem Tod ihres ersten Mannes die Königin von Dänemark bleiben.

Gertrudes Hochzeit mit Claudius wird aus der damaligen Sicht als eine inzestuöse Handlung bewertet. Ihr sind moralische Vorstellungen und eine den Tod überdauernde Treue zu ihrem Mann offensichtlich nicht so wichtig wie ihr eigenes Wohlergehen. Sie erweist sich damit als ebenso egoistisch und selbstbezogen wie ihr neuer Ehemann Claudius.

Gertrude bezeichnet ihre Vermählung mit Claudius als eine „hast’ge Heirat“ (S. 49). Durch die übereilte Hochzeit bleibt sie nicht im Stand der trauernden Witwe gefangen, sondern kann sich ihre hohe gesellschaftliche Stellung am Hofe erhalten. Offensichtlich spielt für sie auch das sexuelle Vergnügen eine nicht unwesentliche Rolle bei ihrer Entscheidungsfindung. Laut dem Geist des verstorbenen Dänenkönigs hat Claudius ihren Willen „zu schnöder Lust“ (S. 36) ausgenutzt und mit ihr gemeinsam „Dänemarks königliches Bett“ (S. 37) zu einem Lager für „Blutschand‘ und verruchte Wollust“ (S. 37) gemacht.

Komplizenschaft mit Claudius?

Ob sie mit den hinterlistigen Handlungen von Claudius wirklich einverstanden ist, wird nicht ersichtlich. Sie ist eine zu konfliktscheue, folgsame und charakterschwache Person, um offen ihre Meinung zu äußern.

Es wird im Stück folglich nicht eindeutig geklärt, ob Gertrude wirklich in den Mordkomplott gegen ihren Ehemann verwickelt war. Auf jeden Fall fällt auf, dass sie schon nach zwei Monaten nicht mehr um ihren alten Ehemann trauert und seinen Tod geradezu kaltblütig als gewöhnlich und alltäglich abtut: „Du weißt [Hamlet], es ist gemein: was lebt, muss sterben und Ew’ges nach der Zeitlichkeit erwerben“ (S. 17). Sie kann es sich augenscheinlich nicht erklären, warum Hamlet vom Tod ihres Mannes so nachhaltig getroffen wird.

Der Geist von Hamlets verstorbenem Vater stellt außerdem fest, dass Gertrude wirklich die Seiten gewechselt hat: Claudius habe es tatsächlich geschafft, ihren Willen „zu schnöder Lust“ (S. 36) auszunutzen. Er teilt aber nicht mit, wann genau Gertrude ihre Zuneigung dem einem entzogen und dem anderen zugewandt hat. Es bleibt offen, ob sie Claudius bereits vor dem Mordfall den Vorzug gewährt hat und in seine mörderische Intrige eingeweiht war oder ob sie von Claudius‘ Brudermord tatsächlich nichts wusste und seinen Verführungskünsten erst danach erlegen ist.

Hamlet scheint sich ebenfalls nicht sicher zu sein, ob seine Mutter in den Mord involviert war oder nicht. Die von ihm angeordnet...

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