Claudius

Der verführende Mörder

Claudius ist der Bruder des verstorbenen Dänenkönigs und damit auch Hamlets Onkel. Er hat seinen Bruder im Schlaf vergiftet und anschließend dessen Frau Gertrude geheiratet, um auf den dänischen Thron zu gelangen.

Als der Geist des verstorbenen Dänenkönigs Hamlet erscheint, offenbart er seinem Sohn die mörderische Intrige, die Claudius gegen ihn geschmiedet hat (vgl. S. 34ff.). Claudius habe ihn im Schlaf so hinterhältig und grausam vergiftet, dass er „ohne Nachtmahl, ungebeichet, ohne Ölung“ (S. 35) sterben musste.[1] Doch damit enden seine Vergehen noch nicht. Er sei außerdem zu einem „blutschänderische[n] Ehebrecher“ (S. 36) geworden, weil er es geschafft habe, die Liebe von Königin Gertrude für sich zu gewinnen.

Mit Gertrude zusammen habe Claudius „Dänemarks königliches Bett“ zu einem Lager für „Blutschand‘ und verruchte Wollust“ (S. 37) gemacht.[2] Der junge Prinz Hamlet ist vom Verhalten seiner Mutter und seines Onkels zutiefst angewidert. Er willigt sofort ein, den Tod seines Vaters an Claudius gewaltsam zu rächen (vgl. S. 38): Von diesem Zeitpunkt an kreisen fast alle seine Handlungen und Gedanken nur noch um den Mord an seinem Vater. 

Claudius‘ Vorgehen entpuppt sich zwar an vielen Stellen als äußerst berechnend und auch die Heirat von Gertrude ist für ihn nicht ohne Nutzen: Auf sie kann er seine Legitimität als neuer König stützen und sich außerdem sicher sein, dass die Königin sich in den voraussagbaren höfischen Intrigen nicht gegen ihn wenden wird. Allerdings scheint er sie, teilweise sogar gegen seinen eigenen Willen, tatsächlich wirklich zu lieben. Er muss zu seinem eigenen Verdruss einsehen, dass er sich ein Leben ohne sie nicht mehr vorstellen kann: „Und was mich selbst betrifft – sei’s, was es sei, entweder meine Tugend oder Qual – Sie ist mir so vereint in Seel‘ und Leben, wie sich der Stern in seinem Kreis nur regt, könnt ich’s nicht ohne sie“ (S. 131).

Der pazifistische Heuchler

Zu Beginn des Dramas glaubt jedoch ganz Dänemark, dass der alte König an den Folgen eines Schlangenbisses gestorben ist, dass sein Bruder Claudius also rechtmäßig den Königsthron bestiegen hat. König Claudius ist schauspielerisch und rhetorisch begabt genug, um diesen öffentlichen Glauben aufrechtzuerhalten. In seiner geschickten Hochzeitsrede betrauert er den Tod des vorigen Königs beispielsweise sehr wortgewandt und bezeichnet die Hochzeit mit Gertrude als eine weise und richtige Entscheidung für den Staat Dänemark (vgl. S. 14f.).

Er ist sogar hinterhältig und ruchlos genug, um zu versuchen, sich mit Hamlet, dem Sohn seines Mordopfers, gutzustellen. Dazu erweist sich Claudius seinem Neffen gegenüber als fürsorglicher Onkel und bittet ihn darum, ihn als eine Art Vaterersatz anzuerkennen: „Wir bitten, werft zu Boden dies unfruchtbare Leid, und denkt von uns als einem Vater; denn wissen soll die Welt, dass Ihr an unserm Thron der Nächste seid, und mit nicht minder Überschwang der Liebe, als seinem Sohn der liebste Vater widmet, bin ich Euch zugetan“ (S. 18).

Mit dieser Vorrede will Claudius Hamlet dazu bewegen, nicht an seinen Studienort Wittenberg zurückzukehren, sondern in Dänemark zu bleiben.[3] Im weiteren Verlaufe des Dramas wird jedoch schnell klar, dass Claudius Hamlet nicht wie einen Sohn liebt, ganz im Gegenteil: Von dem Moment an, in dem er Hamlet verdächtigt, seine heimtückischen Geheimnisse enthüllt zu haben, versucht er,  ihn mit allen Mitteln gewaltsam aus dem Weg zu räumen. Allerdings scheint er, vor allem seiner Frau Gertrude gegenüber, unbedingt den Schein der intakten Familie aufrechterhalten zu wollen.

Nun, da Claudius sein egoistisches und machtherrliches Ziel, König zu werden, erreicht hat, ist ihm viel daran gelegen, seine neue Position in Ruhe auskosten zu können. Deswegen sorgt er nicht nur im familiären, sondern auch im außenpolitischen Bereich für Frieden und erweist sich darin sogar als kluger Stratege und Diplomat. Kurz nach seiner Krönung gelingt es ihm, mithilfe einer einzigen diplomatischen Mahnung eine militärische Auseinandersetzung mit Norwegen im Keim zu ersticken (vgl. S. 15). Er kann den Norwegern sogar das Versprechen abzuringen, nie wieder gegen ihn in den Krieg zu ziehen (vgl. S. 50). Auf diese Weise präsentiert Claudius sich als friedliebender König und erspart sich und Dänemark eine mögliche militärische Auseinandersetzung und Niederlage.

Die Angst um den Königsthron

Claudius‘ größtes Handlungsmotiv besteht darin, die Lüge, die ihm auf den Königsthron verholfen hat, unter allen Umständen geheim zu halten. Praktischerweise ist er sehr geschickt darin, mögliche Gefahren, die in Bezug auf ihre Enthüllung drohen, schnell und trickreich aus dem Weg zu räumen. Als Hamlet in ein wahnsinniges Verhalten verfällt, tut Claudius beispielsweise scheinheilig so, als würde er sich um den seelischen Zustand seines Neffen sorgen (vgl. S. 47), während er in Wahrheit nur an seine eigenen ...

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