Rezension

Uwe Timms Roman „Halbschatten“ ist ein sehr moderner und eigenständiger Roman, der den Leser auf zwei Ebenen herausfordert. Die erste Aufgabe des Lesers besteht darin, die vielen einzelnen Stimmen voneinander abzugrenzen und einer Person zuzuordnen. Dies gelingt deshalb nicht immer, weil die Toten des Invalidenfriedhofs sich nicht immer zu erkennen geben, weil sie teilweise durcheinander sprechen, dann wieder miteinander und an anderer Stelle schweigen.

Der Leser muss genau hinhören, um sich orientieren zu können, weil er diese Vielzahl an Stimmen durch das Bewusstsein des Erzählers wahrnimmt. Es ist wie eine musikalische Komposition, die laute und leise Töne anschlägt und die ihre volle Dynamik nur in einem ununterbrochenen Lesefluss ganz entfaltet. Gleichzeitig lässt diese kreative Struktur sich nicht bewusst in jeder Facette direkt wahrnehmen, sondern muss als ein Gesamtkunstwerk betrachtet werden.

Die zweite Aufgabe des Lesers besteht darin, die Aussagen der Personen selbstständig zu bewerten. Der Erzähler gibt nur wieder und kommentiert nicht das, was er hört. So kommen Verbrecher, Mörder, Soldaten, Zivilisten, junge und alte Verstorbene sowie der Erzähler und der Graue selbst zu Wort. Die Wahrnehmungen des Grauen und des Erzählers erinnern dabei schon an die Aufnahmen von Friedrich Jürgenson, der behauptete, Stimmen aus dem Jenseits mit einem Aufnahmegerät einfangen zu können.

Der …

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