Das Gedicht als Fuge

Definition

Der lateinische Begriff „fuga“ bedeutet „Flucht“ oder „Weglaufen“. Im musikalischen Kontext handelt es sich bei dem Begriff „Fuge“ um ein Kompositionsprinzip, welches durch polyphone Mehrstimmigkeit gekennzeichnet ist. Es wirkt folglich wie ein Gespräch zwischen zwei oder mehr Parteien, die ein Thema behandeln. Das Thema „flieht“ dabei von einer Stimme zur nächsten. Bei der musikalischen Fuge kann es sich sowohl um eine alleinstehende Komposition handelt als auch um einen Bestandteil von Kantaten, Messen, Konzerten, Symphonien und Ouvertüren. 

Die Fuge wird mit einer Präsentation der Stimmen eingeleitet, dieser Teil wird als „Exposition“ bezeichnet. Dabei beginnt die erste Stimme, Dux (lat. „Führer“), mit dem Vortrag des Themas. Dann übernimmt die zweite Stimme, Comes (lat. „Gefährte“), in einer aufsteigenden oder absteigenden Tonhöhe. Weitere Stimmen können nach diesem Prinzip hinzukommen.  

Bei der „Doppelfuge“ drehen sich die Stimmen um zwei Themen, die nacheinander oder ineinandergreifend dargeboten werden. Bei der „Tripelfuge“ werden drei Themen in getrennten Expositionen aufgestellt und anschließend miteinander verbunden. 

Die zwei Stimmen

Der musikalische Aufbau von Paul Ceylans Todesfuge fällt besonders auf. Dieser ist als ein Äquivalent zu dem Kompositionsprinzip der Fuge zu verstehen. Es treten sich hier zwei Stimmen gegenüber: Das Personalpronomen „wir“ steht dabei für die Stimmen der Opfer des nationalsozialistischen Regimes, das Personalpronomen „er“ verkörpert eine anonyme Täterfigur. 

Zusammengefasst geht es in dem Gedicht um die Insassen eines Konzentrationslagers, die sowohl mit dem Personalpronomen „wir“ als auch mit dem Nomen „Juden“ bezeichnet werden. Ein in der Hierarchie weit oben stehender SS-Mann, vermutlich der Lagerkommandant, hier bezeichnet mit dem Personalpronomen „er“, zwingt sie dazu, unter grausamen Bedingungen Gräber zu schaufeln und dabei zu musizieren. 

Die Stimmen der Opfer und des Täters sind durch die sprachliche Variation so ineinander verwoben, dass eine dramatische Nähe zwischen dem grausamen Täter und den Inhaftierten, die schaufeln und musizieren müssen, erzeugt wird, bevor es schließlich zur Vernichtung kommt. Die Satzteile, die der jeweiligen Stimme zugeordnet werden können, wiederholen sich und alternieren. Damit entsteht eine Struktur, die an den Kontrapunkt der Fuge erinnert.

Die Unterscheidung der beiden Stimmen führt häufig zu der Interpretation des...

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