Rezension

Es finden sich in der deutschen Literatur viele Werke, die den Nationalsozialismus, den Zweiten Weltkrieg und die Nachkriegszeit in Deutschland thematisieren. Die Novelle „Mario und der Zauberer“ von Thomas Mann gibt dagegen einen interessanten Einblick in die gesellschaftlichen Umstände Italiens, nur wenige Jahre vor der Entstehung Nazi-Deutschlands.

Sie erschafft aber auch ein Rätsel um die Intention des Autors. Thomas Mann hat in der Erzählung nach eigenen Angaben seine Urlaubserlebnisse aus dem Jahre 1926 verarbeitet. Jedoch spiegeln sich in der Hauptfigur der Novelle so deutlich Eigenschaften von Mussolini und Hitler wider, dass man sich fragt, wo das Erlebnis aufhört und die Karikatur beginnt.

Auf jeden Fall erwartet den Leser eine spannende und lehrreiche Erzählung, die sich aufgrund ihrer Kürze, ihrer guten Verständlichkeit und ihrer fesselnden Wirkung in einem Zug durchlesen lässt.

Zur Handlung: Wir folgen einer deutschen Familie in ihren Italienurlaub in den 1920er Jahren. Der Faschismus dominiert die italienische Mentalität. Aus der Gastfreundlichkeit ist Fremdenfeindlichkeit geworden. Bei einer Zaubervorstellung des mysteriösen Cavaliere Cipolla erlebt die Familie, wie durch Willensmanipulation und -brechung ein ganzes Publikum in den Bann eines charismatischen Hypnotiseurs gezogen wird. 

Mit starker Symbolik und bunter Bildsprache schafft es Thomas Mann, den Leser nicht nur die Situationen, in denen sich der Erzähler befindet, nachempfinden zu lassen  – er versetzt ihn wirklich in die Szene hinein. Die emotionale und klimatische Hitze des faschistischen Italiens im August 1926 und der Grusel einer unheimlichen Zaubervorstellung scheinen greifbar.

Ohne es direkt zu benennen, wird durch deutliche Hinweise und Metaphorik das brisante Thema der faschistischen Bewegung und ihrer Folgen bearbeitet. Dabei bekommt der Leser durch die häufigen subjektiven Kommentare des Icherzählers den Eindruck, die Geschichte würde ihm direkt erzählt werden. Das ist besonders interessant, weil der Autor selbst, durch den Realitätsbezug, in der Figur des Icherzählers erkennbar wird.

Die Novelle wurde 1930 veröffentlicht, vier Jahre, nachdem Mussolini aus Italien einen diktatorischen Staat gemacht hatte und drei Jahre vor der Machtübernahme Hitlers. Thomas Mann war ein Kritiker der faschistischen und nationalsozialistischen Bewegungen. Er beobachtete mit Sorge die Entwicklungen in dieser Zeit, und ab 1933 verließ der Schriftsteller Deutschland, um im Exil in der Schweiz zu leben.

In den faschismuskritischen Kommentaren des Icherzählers, die die Novelle durchziehen, findet sich sicherlich Thomas Manns eigene Stimme wieder. Diese Kommentare machen die Einordnung des Werkes zur Epoche der „Neuen Sachlichkeit“ etwas schwierig, da sie eher persönlich-subjektiv gefärbt sind. Dennoch ist die Neue Sachlichkeit wohl die literarische Strömung, zu der man diese Novelle aufgrund ihrer Thematik und ihres Inhalts am ehesten zuordnen kann.

Wer diese Erzählung gelesen hat, hat nicht nur etwas über den Faschismus, sondern auch etwas über die Rolle des freien Willens im Leben gelernt. Man versteht, welche Bedeutung die Besessenheit von faszinierenden Persönlichkeiten haben kann. Die Problematik lässt sich auch auf die heutige Zeit, auf unsere Gesellschaft übertragen. Man denke an die Glorifizierung mancher Künstler, die besonders junge Menschen beeinflussen kann.

Die Novelle kann ebenso eine Warnung vor der Aufgabe der Willensfreiheit sein, wie sie auch als Erinnerung an die Wichtigkeit gegenseitiger menschlicher Toleranz und Freundlichkeit verstanden werden kann.