Erzähltechnik

Erzählerfigur

Thomas Mann nutzt den auktorialen Erzähler, wie er im Realismus stilbildend war. Näher betrachtet, ist die Erzählerfigur aber nicht allein auf diese Rolle beschränkt. Nicht nur, dass auch personale Erzählpassagen vorhanden sind, die verschiedenen Perspektivierungen und Positionierung des Erzählers lassen keine eindeutige Bestimmung zu. Daher handelt es sich hier um ein komplexes Erzählen, das seine Basis im auktorialen Erzählen hat, sich darin aber nicht erschöpft.

Die Erzählerfigur hat im Roman verschiedenste Mittlerrollen. Sie tritt als Chronist auf (S.258), als reflektiert nachdenkend und Einverständnis beim Leser suchend (S.694), als wortreicher Gestalter von Stimmungsbildern (S.370), als eine Figur, die mit Nachdruck Zwischenrufe in das Handlungsgeschehen einwirft (S.698), auch solche des Bedauerns, was uns verdeutlicht, dass ihr das Schicksal der Buddenbrooks nicht gleichgültig ist (S.177, 369, 466). Außerdem tritt der Erzähler als die auktoriale, alles ordnende Instanz auf (S.418), die über einen weiten Überblick über die Meinungen der verschiedenen Figuren verfügt (S.643f., die hanseatische Kaufmannsschicht über Gerda) und einen generationenübergreifenden Vergleich zwischen den Figuren vornehmen kann (S.259).

Der Erzähler kann auch die sprachlichen Eigentümlichkeiten erklären (etwa die besondere und eigentliche Bedeutung von ‚albern’, S.87, S.294; der erläuternde Kommentar hinsichtlich Morten Schwarzkopfs Redensart, S.133; oder die Erklärung der Klangfarben von Bankier Kesselmeyers „Ahah“-Interjektion, S.201) und als derjenige, der in den Passagen personalen Erzählens, in denen erlebte Rede vorherrscht, hinter die Figuren zurücktreten kann (S. 54f., 265, 275f., 569, 469ff., 474f., 629, 657).

Diese Dynamik vermittelt dem Leser ein facettenreiches Bild der Handlung. Man ist einer Erzählerfigur an die Hand gegeben, die die dargestellte Handlung auf verschiedenste Weise für den Leser aufbereitet. Somit liegt nicht nur eine Instanz vor, die uns beim Lesen anleitet, sondern durch Kommentare auch eine Wertung für sich und/oder uns vornimmt. Beispielsweise missbilligt er etwa die Frömmelei der Konsulin bzw. die Schriften, die während der Andacht gelesen werden (S.277), er kritisiert durch seine Art der Beschreibung das Rauchverhalten von Thomas (S.115) und äußert seine Abneigung gegen Weinschenks Äußeres (S.440).

Die Erzählfigur entwickelt stellenweise ein Gemeinschaftsgefühl mit dem Leser, etwa dann, wenn sie rückblickend auf Hannos frühe Kindheit schaut und durch die Verwendung des Personalpronomens „wir“ den Leser mit einbezieht (S.436f.) oder wenn sie über Depressionen nachdenkt und das Personalpronomen „uns“ benutzt (S.491). Eine Besonderheit ist auch die polyperspektivische Position, die der Erzähler einnehmen kann. So spiegelt er während des Bemühens von Thomas, seinen Sohn Hanno in das Kaufmannsgeschäft einzuführen, sowohl die verzweifelten Versuche von Thomas, mit seinem Sohn zu reden, als auch Hannos Weigerungen, Ängste, Wünsche und Einsichten wider (S.618-629).

Nur selten tritt der Erzähler absolut hinter die Handlung zurück, zum Beispiel in der  kommentarlosen Typhus-Passage im Zuge von Hannos Tod. Der Erzähler ist hier vollkommen hinter den Text getreten und überlässt den Leser sich selbst und de...

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