Rezension

In der Novelle Der Schimmelreiter von Theodor Storm, die 1888 veröffentlicht wurde, geht es um Hauke Haien, dessen Lebensziel darin besteht, Deichgraf zu werden und einen neuen Deich zu bauen, der die Dorfbewohner besser vor Sturmfluten schützen soll. Auf diesem Weg wird Hauke mit vielen Schwierigkeiten konfrontiert, unter anderem muss der rationale Vernunftmensch sich mit dem Aberglauben der Dorfbevölkerung auseinandersetzen.

Die Novelle, die erst kurz vor Storms Tod veröffentlicht wurde, gilt als das bekannteste und herausragendste Werk Theodor Storms. Auch über ein Jahrhundert nach ihrem Erscheinen ist sie ein fester Bestandteil des Kanons der deutschen Literatur. Die Erzählung von Hauke Haien, der gegen den Aberglauben der Dorfbewohner und gegen das Meer mit seinen gefährlichen Sturmfluten kämpft, ist seit Jahrzehnten beliebt und das überrascht: Was fasziniert an einer Geschichte, die im 18. Jahrhundert spielt und von Sagen, Gespenstern und Deichbau handelt?

Die Besonderheit der Novelle ist darin zu erkennen, dass sie in der Gegend spielt, in der Storm selbst aufgewachsen ist: In einer nordfriesischen Deichlandschaft. Aus diesem Grund kennt Storm die Landschaft sehr gut und kann sie detailreich beschreiben – das ist ein wesentliches Merkmal der Epoche des Realismus, zu der die Novelle gehört. Der Autor ließ sich sowohl von den Sagen seiner Heimat als auch von Deichspezialisten inspirieren. Schon hier zeichnet sich das zentrale Thema der Novelle ab: Der Zusammenprall zwischen den rationalen Deichplanungen und dem Aberglauben der Bevölkerung. "Es muss was Lebendiges in den Deich", meinen die Leute und murren, als der Deichgraf ihr Vorhaben verhindert. Die Dorfbewohner reden über den Deichgrafen Hauke Haien: Hat er einen Pakt mit dem Teufel geschlossen? Sein mysteriöser Schimmel und sein Zweifel an Gottes Allmacht schüren diese Vermutung.

Storm wählt eine besondere Erzähltechnik, die sich durch eine doppelte Rahmenerzählung auszeichnet. Besonders spannend ist die Frage nach den Gründen für das Scheitern des Protagonisten, der am Ende Selbstmord begeht. Nach seinem Tod wird Hauke Haien zum mysteriösen Schimmelreiter, der bei Unwetter über die Deiche reitet. Hier versteckt sich die Ironie der Novelle: Hauke, der zu Lebzeiten von Aberglauben nichts wissen wollte, wird nun selbst von den Dorfbewohnern zum Mythos gemacht.

Insgesamt lässt sich feststellen, dass die Novelle Der Schimmelreiter von Theodor Storm zu Recht seit Jahrzehnten zu den bedeutendsten Werken der deutschen Literatur gehört. Die Novelle erlaubt vielfältige Interpretationsansätze und lässt Fragen offen, wie beispielsweise die Frage nach den Gründen für das Scheitern Haukes oder die Frage nach dem Aberglauben und der Vernunft. Der Reisende erklärt am Ende der Erzählung des Schulmeisters nicht, ob und wie es ihm gelungen ist, die Spreu vom Weizen zu trennen. Im Gegenteil: Am Ende muss allein der Leser entscheiden, was es wirklich mit der Existenz Hauke Haiens auf sich hat.