Gesellschaftskritik

Die Dorfgemeinschaft

Fontane übt mit seiner Darstellung Kritik an der Gruppendynamik der Dorfgemeinschaft sowie an den Untersuchungsmethoden der Polizei.

Die Darstellung der Dorfgemeinschaft von Tschechin nimmt einen zentralen Platz in der Erzählung ein. Die Geschichte spielt in einer Zeit, die noch vor der großen Landflucht datiert war, die im Zuge der Industrialisierung zu einer starken Abwanderung der Dorfbewohner in die großen Städte führte (siehe Epoche „Zeitgeschichtlicher Hintergrund“). Tschechin ist ein großes und reiches Oderbruchdorf, in dem einige reiche Bauernfamilien wohnen, wie zum Beispiel die Familie Mietzel und die Familie Quaas. Sie verfügen über Vermögen und großen Grundbesitz und besitzen damit einen gewissen sozialen Rang.

Abel hat sich in den letzten zehn Jahren ein funktionierendes Geschäft und eine gut besuchte Gastwirtschaft in dem Dorf aufgebaut, die von den Dorfbewohnern regelmäßig besucht wird. Die meisten Bürger mögen ihn wegen seiner freundlichen und unterhaltsamen Art. Doch seine Frau Ursel schätzt den Umgang mit den einfachen und nicht studierten Bauern nicht, da sie glaubt, etwas Besseres zu sein. Auch ihr früherer Lebensstil gefällt den Dorfbewohnern nicht.

Ursel hat keinen guten Kontakt zur Dorfgemeinschaft, nur mit Pastor Eccelius versteht sie sich gut, da dieser gebildet ist. Pastor Eccelius bringt die Ursache der Anfeindungen auf den Punkt: „Man verleumdet sie [das Ehepaar Hradscheck], weil man sie beneidet, besonders die Frau. Du kennst unsere Brücher; sie sind hochfahrend und steigern ihren Dünkel bis zum Hass gegen alles, was sich ihnen gleich oder wohl gar überlegen glaubt“ (S. 40).

Die Gruppendynamik im Dorf

In bestimmten Situationen kann sich in der Dorfgemeinschaft eine Gruppendynamik entwickeln, die sich gezielt gegen einzelne Personen richtet und diese sehr belasten kann. Dies zeigt sich beispielsweise dann, als Abel erzählt, dass er eine Erbschaft erhalten hat. Frau Quaas und Frau Mietzel sind neidisch auf das Erbe, dass die Hradschecks erhalten sollen, und glauben, dass Ursel nun sehr viel Geld für extravagante Kleidung ausgeben wird. Besonders Frau Quaas hegt eine tiefe Abneigung gegenüber Ursel, da sie glaubt, dass sie ein Spottgedicht über sie in Auftrag gegeben hat (S. 24).

Besonders deutlich wird die Gruppendynamik dann, als Abel in den Verdacht gerät, etwas mit dem Verschwinden von Szulski zu tun zu haben. Zuerst scheinen sich alle sicher zu sein, dass er schuldig ist. Dieses Gerücht wird vor allem von Frau Jeschke und dem Gendarmen Geelhaar angeheizt, die eine persönliche Feindschaft mit Abel verbindet.

Doch nach einigen Wochen, in denen keine neuen Beweise vorgelegt werden können, kippt die Stimmung wieder zugunsten von Abel und die Dorfgemeinschaft lacht über Geelhaar, der vehement darauf besteht, dass er schuldig ist. Als Abel schließlich entlassen wird, wird vor allem Frau Jeschke in starkem Maße dafür kritisiert, dass sie stets an die Schuld von Abel geglaubt hat.

Als Justizrat Vowinkel keine weiteren Beweise für Abels Schuld erbringen kann, wenden sich die Tschechiner und die Bewohner anderer Dörfer auch gegen ihn, der aufgrund dessen viel aushalten muss. Diejenigen Dorfbewohner, die zuvor „am leidenschaftlichsten von einer Hinrichtung geträumt hatten“ (S. 44), sind jetzt diejenigen, die „im Tadeln und Schmähen mit gutem Beispiel vorangingen“ (S. 44).

Auch gegen die Zeugen richtet sich die Wut der Dorfbewohner. Sie müssen „Schmähungen“ (S. 44) erleiden, die dann noch viel heftiger wären, wenn sie die Zeugen nicht gleichzeitig auch ausgelacht hätten (S. 44). Ursel fürchtet sich davo...

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