Merkmale des Bürgerlichen Realismus im Werk

Exakte, naturgetreue und objektive Darstellung der Realität

Fontane äußerte sich 1853 wie folgt zu der Frage, was er unter Realismus verstehe: „Vor allen Dingen verstehen wir nicht darunter das nackte Wiedergeben alltäglichen Lebens, am wenigsten seines Elends und seiner Schattenseiten.“ [1] Fontane bezieht sich mit dieser Aussage auf verschiedene Vertreter des Realismus, vor allem Maler, die in der Darstellung der menschlichen Misere den Kern dieser Strömung sahen.

Fontane dagegen bezieht sich in seiner Definition von Realismus auf Goethe, der dem Schriftsteller empfiehlt, „ins volle Menschenleben“ zu greifen, denn „wo du es packst, da ist´s interessant“.[2] Die Aufgabe des Künstlers aber besteht nun darin, diesen Griff ins menschliche Leben auch künstlerisch zu gestalten. Fontane stellt an ein Werk des Realismus den Anspruch, dass es das Wahre abbildet und „die Lüge, das Forcierte, das Nebelhafte, das Abgestorbene“[3] ausblendet. Zwischen dem „erlebten und erdichteten Leben“ (Materialien, S. 91) soll kaum ein Unterschied zu spüren sein.

Dies lässt sich sehr deutlich in Fontanes Novelle „Unterm Birnbaum“ nachweisen. Besonders deutlich wird dies daran, dass der Mord an Szulski und der Tod von Abel nicht geschildert werden. Diese Momente schrecklicher Misere werden vom Autor ganz bewusst ausgeblendet. Stattdessen verlagert er den Schwerpunkt der Darstellung auf den Haushalt und das Gewerbe von Abel sowie das Leben im Dorf Tschechin. Im Rahmen dieser Darstellung kann der Leser aber Hinweise und Spuren entdecken, die Abels wahre Absichten enthüllen und seinen Mord nachweisen. Zu der genauen Beschreibung der Realität zählt auch, dass er die fiktive Geschichte anhand realer Ereignisse erschafft, die an konkreten Orten stattfinden (Gasthaus, Letschin, Oderbruch...).

Auch seine Figuren gestaltet Fontane sehr bewusst möglichst realistisch und damit teilweise auch etwas widersprüchlich, so wie es auch reale Menschen sind. Abel ist zum Beispiel auf der einen Seite ein berechnender, analytischer, kühler und brutaler Charakter, auf der anderen Seite aber auch ein beliebter Gastwirt und ein abergläubischer Mensch, der durch die Bemerkungen seiner Nachbarin Jeschke völlig aus dem Konzept gebracht wird.

Pastor Eccelius ist ein wichtiger und angesehener Mann im Dorf, der von allen wegen seiner Arbeit geschätzt wird. Auf der anderen Seite aber hat er nur ein geringes Interesse an Seelsorge und bewertet Ursels Verhalten im Nachhinein als eine persönliche Beleidigung.

Die Bewohner des Dorfes zeichnen sich darüber hinaus durch gewisse Merkmale aus, die sich in der Realität wiederfinden lassen. Bauer Kunicke nimmt beispielsweise an den Befreiungskriegen der Preußen teil, Szulski ist (Augen)zeuge des Novemberaufstands von 1830 in Polen. Hinzu kommt die Charakterisierung von Personen, wie Jakob, Male, Ede und Frau Jeschke, über die Sprache, die sie sprechen und anhand derer man sie als Leser einer ganz bestimmten geografischen Region zuordnen kann.

Beschreibung des bürgerlichen Alltags

Das bürgerliche Wirtschaftsleben am Anfang des 19. Jahrhunderts wird in der Novelle anhand des Kaufmanns Abel Hradscheck und seine Ehefrau Ursel geschildert. Abel entstammt einer Familie „kleiner Leute“ (S. 40). Sein Vater ist Zimmermann und wünscht sich von seinem Sohn, dass auch er diesen Beruf ergreift.

Abel arbeitet zuerst auch als Zimmermann in Berlin, doch gefällt ihm diese Tätigkeit nicht. Daher keh...

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