Merkmale der Novelle

Fontanes Wahl der Novellenform ist typisch für die Autoren des Realismus. Nachdem diese literarische Form von den Vertretern der Romantik zu Beginn des 19. Jahrhunderts etabliert worden ist, erreicht das Novellenschaffen deutscher Autoren ihren Höhepunkt in der Epoche des Realismus. Diese Textform ist unter anderem dadurch gekennzeichnet, dass sie auch eine fiktive Handlung möglichst real darstellt. Die Gattung der Novelle entspricht dem Anspruch der Vertreter des Realismus, Werke zu erschaffen, die an die Lebenswirklichkeit der Leser anknüpfen. Die kompakte Form und die überschaubare Länge sind für die Veröffentlichung in einer Zeitschrift optimal geeignet.

Textlänge

Das Wort Novelle lässt sich aus dem Lateinischen und Italienischen ableiten und bedeutet so viel wie „neu“ oder „Neuigkeit“. Noch heute werden neu veröffentlichte Gesetzestexte so bezeichnet. Eine bekannte Definition hinsichtlich der Textlänge stammt von Hugo Aust, der die Novelle als einen Text von kurzer bis mittlerer Länge definiert, der sich gut in einem Stück lesen lässt.[1] Oftmals wurden diese Werke aber in zwei Teilen veröffentlicht, da so die Leserschaft über einen längeren Zeitraum gebunden werden konnte. Fontanes Erzählung „Unterm Birnbaum“ zeichnet sich ebenfalls durch eine überschaubare Länge aus, die ein geübter Leser in circa drei Stunden durchlesen kann.

Die unerhörte Begebenheit

Goethe prägte das Merkmal, dass eine Novelle eine unerhörte Begebenheit erzählt. In der Novelle „Unterm Birnbaum“ stellen der kaltblütige Mord an Szulski und das berechnende Verhalten des Ehepaars Hradscheck eine Begebenheit dar, die aus moralischer und gesellschaftlicher Sicht heraus unerhört ist. Gleichzeitig greift Fontane mit dem Bezug zu den wirklichen Kriminalfällen Ereignisse auf, die für viele Leser im wirklichen Sinne unerhört, d.h. unbekannt und neu waren (siehe Abschnitt „Die wahre Begebenheit“). 

Glaubwürdigkeit

Die Handlung einer Novelle soll glaubwürdig sein. Selbst dann, wenn die Handlung in auffälliger Weise vom Alltäglichen abweicht, muss die unerhörte Begebenheit real vorstellbar sein. Daher bezieht Fontane den Inhalt seine Novelle nicht nur auf konkrete und reale Ereignisse, sondern gestaltet auch die gesamte Umgebung möglichst detailgetreu. Dazu zählt vor allem die Beschreibung der Umgebung, der Angewohnheiten und Handlungsweisen der Dorfgemeinschaft, der regionalen Dialekte und Figuren, bei denen es sich um ganz normale Menschen handelt und die nicht überhöht, sondern auch mit all ihren Fehlern dargestellt werden. Das Dargestellte entspricht in glaubhafter Weise der realen Welt. 

Erzählhaltung 

Der Erzähler in der Novelle gibt oft nur wenige Hintergrundinformationen preis, um den Spannungsbogen möglichst lange aufrechtzuerhalten. Es finden sich in den verschiedenen Novellen ganz unterschiedliche Erzählhaltungen: In Fontanes „Unterm Birnbaum“ ist es ein Erzähler, der nicht in der Handlung als Person auftritt (heterodiegetischer Erzähler) und aufgrund seiner zurückhaltenden Informationspreisgabe sich nur an manchen Stellen als auktorialer Erzähler entpuppt. Andere Werke, zum Beispiel Fontanes „Effi Briest“, sind dagegen stark von einem auktorialen Erzähler gekennzeichnet. Diese Reduzierung bei „Unterm Birnbaum“ ist dem Spannungsaufbau geschuldet, dem in einer Kriminalnovelle eine ganz besondere Funktion zukommt. 

Die Beständigkeit der Charaktere

Die Figuren der Erzählung ändern ihr Verhalten und ihre Einstellung im Laufe der Novelle nicht grundlegend. Damit unterscheidet sich die Novelle zum Beispiel völlig von einem ...

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