Rezension

Die temperamentvolle und lebhafte Effi Briest ist 17 Jahre alt, als sie den von der Mutter ausgesuchten Baron von Instetten heiratet. Ihr Mann ist mehr als 20 Jahre älter als sie und hielt in der Vergangenheit schon erfolglos um die Hand ihrer Mutter an. Effi zieht mit dem Landrat an die Ostsee, kann sich jedoch in ihr neues gesellschaftliches Leben nicht wirklich eingewöhnen und findet beim Landadel Kessins keinen Anschluss.

Instetten vernachlässigt seine Frau zugunsten  seines Berufes, sodass sie immer mehr vereinsamt. Nicht einmal die Geburt ihrer Tochter Annie weckt den alten Lebensmut in ihr. Sie flüchtet sich in eine kurzweilige Affäre mit dem gut aussehenden Major Crampas, der bereits einen Ruf als Frauenheld hat. Die Versetzung Instettens nach Berlin beendet das Verhältnis jedoch recht schnell. Erst nach Jahren findet der Landrat alte Liebesbriefe von Crampas an Effi und reagiert drastisch: Er verstößt eine Frau und erschießt den Major im Duell.

Die Protagonistin Effi wird von der Gesellschaft gemieden und ist als Ehebrecherin gebrandmarkt. Durch ihre Affäre hat sie ihren Mann und die eigene Familie in Verruf gebracht. Fontane zeichnet jedoch ein anderes Bild: Er lässt sie zu einem Opfer der gesellschaftlichen Konventionen und festen Zwänge im 19. Jahrhundert werden, sodass der Leser gar nicht anders kann, als mit ihr zu fühlen und zu leiden.

Der Autor gestaltet eine detailgetreue Nahaufnahme der adligen Gesellschaft im 19. Jahrhundert, die mehr als reizvoll ist. Mit seinen karikierenden Beschreibungen der Kessiner Gesellschaft kritisiert er offensichtlich deren verstaubte Ansichten, ohne als Revolutionär dastehen zu wollen. Auch die Rolle der Frau spielt eine wichtige Rolle. Effi befindet sich in einem emanzipatorischen Wandel, denn sie wagt, etwas zu tun, von dem andere Frauen ihres Standes nur träumen können: Sie folgt ihrem Herzen und verachtet dabei das enge Konventionskorsett ihrer Zeit.

Effi Briest gilt als Theodor Fontanes Meisterwerk und ist nicht umsonst Bestandteil des weltliterarischen Kanons. Für die Leser offenbaren sich interessante Lebenswelten, wenn der Autor Zeit und Gesellschaft den Spiegel der Kritik vorhält.