Zeitgestaltung

Zwei Begriffe werden dann berücksichtigt, wenn die Zeitgestaltung eines Textes gewertet wird:

  • Erzählzeit:  Die Erzählzeit ist diejenige Zeit, die Du zum Erzählen oder Lesen des Werks benötigst. 
  • Erzählte Zeit: Die erzählte Zeit ist derjenige Zeitraum, über den sich die erzählte Geschichte erstreckt.

Die Zeitgestaltung einer Erzählung kann anhand des Vergleiches zwischen Erzählzeit und erzählter Zeit beschrieben werden. Dazu stehen drei Möglichkeiten zur Verfügung:

Zeitdeckung

Die Zeitdeckung beschreibt die Übereinstimmung von Erzählzeit und erzählter Zeit (Erzählzeit = erzählte Zeit).

Die Zeit, die der Verfasser, um eine Szene zu erzählen, benötigt, entspricht etwa der Zeit, die der Leser zum Vorlesen braucht. Bei der Anwendung von direkter Rede wird zeitdeckend erzählt.

Beispiel Fräulein Else: Die zeitliche Erstreckung der dargestellten Ereignisse in der Erzählung beschränkt sich auf wenige Abendstunden (von ca. 19 Uhr bis Mitternacht). Damit umfasst die erzählte Zeit ungefähr fünf Stunden. Da für die Lektüre des Textes eine ähnlich lange Zeitspanne benötigt wird, entsprechen Erzählzeit und erzählte Zeit einander weitgehend, womit in diesem Fall ein zeitdeckendes Erzählen vorliegt.

Zeitraffung

Die Zeitraffung kommt dann zustande, wenn die Erzählzeit kürzer als die erzählte Zeit ist (Erzählzeit < erzählte Zeit).Am häufigsten wird dann zeitraffend erzählt, wenn eine relativ kurze Erzählung von einer die Handlung aus einer längeren Periode berichtet. Sprünge in der Geschichte oder Zusammenfassungen verursachen häufig zeitreifendes Erzählen.

Zeitdehnung

Die Zeitdehnung entsteht dann, wenn die Erzählzeit größer als die erzählte Zeit ist (Erzählzeit > erzählte Zeit).

Das Erzählen langer sehr detaillierter Beschreibungen von Handlungsabläufen oder Reflexionen verursacht häufig zeitdehnendes Erzählen.

Literarische Texte werden häufig sukzessiv mit diesen drei Elemente: Zeitdeckung, Zeitraffung, und Zeitdehnung gestaltet.

Beispiel Halbschatten:

Die Rahmenhandlung umfasst den Besuch des Friedhofs und erstreckt sich in etwa über eine so lange Zeit, wie ein Leser braucht, um den Roman zu lesen (circa 4 Stunden). Daher sind in diesem Fall die Erzählzeit und die erzählte Zeit der Rahmenhandlung in etwa deckungsgleich.

Die Binnenhandlung, also die Erinnerungen und Berichte der Toten, umfasst den Zeitraum von der Eröffnung des Invalidenhauses im Jahr 1748 bis hin zum Fall der Mauer im Jahr 1989. Auf der zweiten Erzählebene sind damit die Erzählzeit und die erzählte Zeit deshalb nicht deckungsgleich, da die Berichte der Toten die Ereignisse gerafft in Form eines Summarys wiedergeben.

Bei der Wiedergabe direkter Rede wird zeitdeckend erzählt: „Nein, sagt Miller, es war genau so: Sie kam wie ein lärmender Engel vom Himmel. Von ihr ging eine erstaunliche Anziehung aus und gleichermaßen etwas Unbeschwertes, Leichtes. Das war der erste, überwältigende Eindruck, als sie hier einschwebte. Nicht Frau, nicht Mann, sie hatte etwas von einem mittelalterlichen Engel“

Beispiel Buddenbrooks

Im Roman, der sich in den Jahren zwischen 1835 und 1877 abspielt, sind zeitdeckende, zeitdehnende und zeitraffende Passagen vorahnden. Die Beschleunigung und Verlangsamung der Zeit stehen dabei oftmals direkt nebeneinander. Der Roman beginnt beispielsweise mit einer fast 50 Seiten starken Beschreibung der Einweihungsfeier des Hauses in der Mengstraße. Der zweite Abschnitt ist fast genauso lang, stellt aber eine Zeitperiode von fast vier Jahren dar (April 1838-1842).

Zeitdeckendes und zeitdehnendes Erzählen finden sich vorwiegend in dialogisch geprägten, szenischen Darstellungen wieder, etwa im ersten Teil oder beim Streit zwischen Thomas und Christian im neunten Teil (S.572ff.). Darüber hinaus finden sich auch solche Passagen, in denen die Zeit gleichsam stillsteht. Das ist dann der Fall, wenn sich die Figuren ihren Reflexionen hingeben und das Geschehen durch die erlebte Rede dargestellt wird. Auf die Spitze getrieben ist diese Art des zeitdeckenden Erzählens während der Schopenhauer-Lektüre von Thomas (S.654ff.) zu finden.

Zeitraffungen werden auf verschiedene Art und Weise auf den Text angewendet. So gibt es Zeitsprünge, die bewusste Auslassungen in der Handlung markieren und in einen neuen Lebensabschnitt eines Protagonisten überführen, wie etwa hier: „Toms und Christians Jugendzeit…es ist nichts Bedeutendes davon zu melden“ (S.66).

Zeitraffungen im Form von nur sehr knappen Erwähnungen werden auch im historischen Kontext konsequent umgesetzt. Auch bei den Passagen, in denen der Leser durch Briefe über die Handlung informiert wird, handelt es sich um zeitlich geraffte Erzählpassagen.