Gedichtinterpretation

Vorbereitung

Ein Gedicht kann unterschiedliche Einflüsse in sich vereinen: Die Biografie des Autors sowie seine Weltsicht können dabei genauso eine große Rolle spielen wie die gesellschaftlichen und politischen Gegebenheiten der Entstehungszeit. Darüber hinaus wirken die gattungs- und epochenspezifischen Merkmale auf den Inhalt und die Form ein.

Um zu definieren, welche Aspekte des Gedichts autobiografisch sind, ist die Kenntnis in Bezug auf das Leben und das Werk des Autors unerlässlich. Auch ist es wichtig, sich Informationen über die Literaturepoche zu verschaffen, in deren Rahmen sich Dein Gedicht eingliedern lässt, um zum Beispiel die Symbolik des Gedichts deuten zu können. Umfassende Biografien und ausführliche Beschreibungen der Literarturepochen kannst Du auf Lektuerehilfe.de nachschlagen.

Das gründliche Lesen, und zwar Verszeile für Verszeile sowie Strophe für Strophe, bildet eine wichtige Voraussetzung für das gute Verständnis des Gedichts. Parallel dazu kannst Du die Merkmale, Auffälligkeiten und Deine ersten Eindrücke notieren. Um das Gedicht in Bezug auf Inhalt, Aufbau, Form und Sprache zu analysieren, kannst Du Dir die folgenden Fragen stellen:

  • Worauf bezieht sich der Titel?
  • Wie ist das Gedicht aufgebaut? Lässt es sich in Sinnabschnitte gliedern und wie stehen diese zueinander? Ist ein Höhepunkt oder ein Wendepunkt in dem Gedicht zu erkennen?
  • Welche Gedichtart, Strophenform, welches Reimschema und Metrum liegen vor?
  • Welche Klangfiguren, Kadenzen, Stilfiguren lassen sich feststellen?
  • Welche Themen oder Motive werden behandelt?
  • Gibt es ein Lyrisches Ich, wie tritt es auf und welche Rolle spielt es in dem Gedicht?
  • Was fällt besonders an der Wortwahl, am Satzbau, an der Bildlichkeit der Sprache innerhalb des Gedichts auf? Fallen einige Motive oder Symbole auf?

Deine Notizen kannst Du anschließend systematisch nach einem Plan bearbeiten. Wir schlagen die folgende dreiteilige Gliederung vor, die wir auch in unseren Interpretationen anwenden.

Analyse und Interpretation

1 – Einleitung

Die Einleitung einer Gedichtinterpretation kann diese Elemente enthalten:

  • Name des Autors
  • Titel des Gedichts
  • Erscheinungsjahr
  • Gedichtart. Hier würde ich von der Gedichtform sprechen (zum Beispiel: Ballade, Sonett etc.)
  • Zeitliche Einordnung des Gedichts (zum Beispiel: Epoche, Anlass für die Entstehung, biografische Informationen zum Lyriker. Hier würde ich von Dichter sprechen usw.)
  • Kurze Beschreibung der Hauptthematik (zum Beispiel: Naturgedicht, Liebesgedicht usw.) sowie eine knappe Zusammenfassung des Gedichtinhalts

2 – Hauptteil

- Formaler Aufbau  

 Folgende Punkte werden bei der Analyse beachtet:

  • Anzahl der Strophen und Verse, Gliederung des Gedichts
  • Reimschema und Reimform (Paarreim, Kreuzreim etc./siehe Begriffsliste)
  • Metrum (Jambus, Trochäus etc./siehe Begriffsliste)
  • Kadenz (weiblich, männlich/siehe Begriffsliste)
  •  Zeitform

     - Chronologische Analyse und Interpretation der einzelnen Strophen

       Folgende Punkte werden bei der Interpretation beachtet:

  • Analyse des Titels
  • Beschreibung der Stimmungen und Gefühle
  • Deutung der Botschaft, der Motive und Symbole oder der Farbenmetaphorik
  • Sprach- und Stilmittel (Metapher, Anapher, Alliteration, Assonanz usw.)
  • Syntax (Hypotaxe, Parataxe, Inversion, Ellipse usw.)
  • Besonderheiten der Sprache (Register, Ironie, Satire, Wortwahl, Schlüsselwörter usw.)
  • Das Lyrische Ich (Rolle, Gefühlslage usw.)

Wichtig: Die Deutung des Gedichts soll mit den Erkenntnissen aus der sprachlichen und formalen Analyse verknüpft und begründet werden.

3- Perspektivierung

  • Beschreibung der möglichen Intention des Autors bei der Erschaffung des Werkes
  • Bezüge zur Biografie, zu anderen Gedichten, zur historischen Epoche oder zur Gegenwart
  • Offene Fragen
  • Eventuell persönliche Wertung, wenn von dem Lehrer gefordert

Wichtig: Die finale Korrektur Deiner Interpretation solltest Du nicht vergessen. Dabei solltest Du Satzbau, Rechtschreibung und Zeichensetzung überprüfen und eventuell umgangssprachliche oder unklare Sprachwendungen umformulieren.

Nützliche Begriffe für die Gedichtinterpretation

  • Alliteration: Von Alliteration spricht man bei einem Gleichklang der Anfangskonsonanten benachbarter Wörter. Häufig handelt es sich dabei um die hebungsfähigen Stammsilben, z. B. Kind und Kegel oder Lust und Liebe.
  • Anapher: Ein oder mehrere Wörter werden zu Beginn aufeinanderfolgender Sätze oder Verse wiederholt, z. B. Wie lieb’ ich dich! / Wie blickt dein Auge / Wie liebst du mich!“
  • Assonanz: Der Gleichklang der Vokale wird als Assonanz bezeichnet, z. B. „Wehe! wehe! Beide Teile / stehn in Eile“.
  • Ballade: Die Ballade verkörpert eine Zwischenform zwischen lyrischer und epischer Dichtung. Sie erzählt zwar eine Geschichte, bedient sich dafür jedoch lyrischer Darstellungsformen. Es wird zwischen einer Volksballade, deren Verfasser unbekannt ist, und einer Kunstballade unterschieden, welche sich wiederum in Unterkategorien einteilen lässt: Schauerballade (z. B. Goethes „Erlkönig“), Ideenballade (z. B. Schillers „Der Handschuh“), Geschichtsballade (z. B. Heines „Belsazar“) oder realistische Ballade (z. B. Fontanes „John Maynard“).
  • Enjambement: Bei einem Enjambement überspringt der Satz oder Teilsatz das Ende der Verszeile und setzt sich in der nächsten Verszeile fort. In diesem Fall entsteht keine Pause am Ende der Verszeile, z. B. „Über allen Gipfeln / Ist Ruh“.
  • Epipher: Ein oder mehrere Wörter werden zu Beginn aufeinanderfolgender Sätze oder Verse wiederholt, z. B. „Wer weint hier, hat geweint / Hier wird nicht mehr geweint“.
  • Hebung/Senkung: Betonte Silben (Hebung) und unbetonte Silben (Senkung) in jeder sprachlichen Äußerung, z.B. wird bei „Lie – be“ die erste Silbe des Wortes „Lie“ betont, die zweite „be“ nicht.  
  • Kadenz (stumpf, klingend): Bei der Kadenz handelt es sich um den Versausgang. Endet der Vers mit einer einsilbigen Hebung (z. B. „Welt“), so spricht man von stumpfer oder auch männlicher Kadenz. Endet der Vers mit einer zweisilbigen Senkung (z. B. „Sonne“), so bezeichnet man die Kadenz als klingend oder weiblich.

katalektisch: Am Ende des Versfußes fehlt eine Silbe.

akatalektisch: Der Versfuß ist vollständig.

hyperkatalektisch: Am Ende des Versfußes ist eine Silbe überzählig.

  • Lyrisches Ich: Das Lyrische Ich ist ein von dem Autor erdachter fiktiver Sprecher, der nicht mit dem Autor selbst gleichgesetzt werden darf. Dieser Sprecher zeigt sich in den Personalpronomen ich oder wir sowie in den Possessivpronomen mein, unser. Des Weiteren tritt er durch Ausrufe, Wunschäußerungen und Interaktionen mit einem fiktiven Gegenüber in Erscheinung.
  • Metapher: Das eigentlich Gemeinte wird nicht wörtlich wiedergegeben, sondern durch einen Ausdruck ersetzt, der bildhafter, sprachlich reicher oder anschaulicher formuliert ist. Viele Metaphern haben sich bereits im Sprachgebrauch fest etabliert, wie zum Beispiel "Baumkrone" für die Spitze eines Baumes oder "Herz brechen" als Ausdruck für die seelische Verletzung einer Person.
  • Metrum: Bei dem Versmaß oder Metrum handelt es sich um eine regelmäßige Abfolge von Hebungen und Senkungen innerhalb eines Verses, welche den Leserhythmus bestimmt. Das feste Schema, nach dem sich die Hebungen und Senkungen innerhalb einer Verszeile abwechseln, bezeichnet man als Versfuß. Man unterscheidet folgende Arten des Versfußes:
    • Jambus: Abfolge von unbetonter und betonter Silbe (­–´), z. B „hinwég“.
    • Trochäus: Abfolge von betonter und unbetonter Silbe (´–), z. B. „Lében“.
    • Daktylus: Auf eine Hebung folgen zwei Senkungen (´– –), z. B. „Málerei“.
    • Anapäst: Auf zwei Senkungen folgt eine Hebung (– –´), z. B. Regenschírm“.
    • Spondeus: Abfolge von zwei betonten Silben (´´), z. B. „Éféu“.
    • Amphibrachys: Zwei unbetonte Silben umschließen eine betonte (-´-) z. B. “ernéuert”.
  • Parallelismus: Gleicher Syntaxaufbau (gleiche Syntax oder gleicher Satzbau) in zwei oder mehreren aufeinanderfolgenden Sätzen oder Teilsätzen. Die Satzglieder haben demzufolge die gleiche Reihenfolge.

Der Parallelismus kann tautologische oder antithetische Funktionen aufweisen. Die erste Funktion stellt eine redundante, inhaltliche Wiederholung dar, z. B. „In meinen Adern welches Feuer! / in meinem Herzen welche Glut!“. Bei der zweiten werden zwei widersprüchliche Behauptungen kontrastierend einander gegenübergestellt, z. B. "O Welt, wie anteillos und doch voll Klang / O Herz, wie oft getäuscht und nicht gebäugt!".

  • Reim: Als Reim werden ähnlich klingende Wörter bezeichnet (ein Reim kann auch zu Beginn oder in der Mitte des Verses gegeben sein).

             Man unterscheidet mehrere Reimformen:

  • Rührender Reim: zwei Worte, die zwar einen ähnlichen Klang, jedoch eine ganz unterschiedliche Schreibweise haben, der Konsonant vor der betonten Silbe ist dabei identisch, z. B.  „Mann“ – „man“, „dicht war“ – „sichtbar“, „Rhein“ – „rein“.
  • Identischer Reim:  Das gleiche Wort wird gereimt, z. B.  „Maus“ – „Maus“.
  •  Reicher Reim: Die gereimten Wörter stimmen ab dem vorletzten betonten Vokal in Klang und Schreibweise überein, z. B.   „tugendreich“ – „jugendreich“, „Wahrheit“ – „Klarheit“.
  • Gebrochener Reim: Reim, der durch ein Enjambement und eine Worttrennung ermöglicht wird, z.B. „Jeder weiß, was so ein Mai- / Käfer für ein Vogel sei“.
  • Schüttelreim: Reimform, bei der die Anfangskonsonanten von zwei oder mehr gereimten Silben miteinander so verknüpft werden, dass ein neuer Sinn entsteht, z. B. "Nun ziehn sie durch die Lande wieder / Und singen ihre Wanderlieder."
  • Schlagreim: Gleichklang unmittelbar aufeinander folgender Wörter in einem Vers, z.B. „Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe“.
  • Reiner Reim: Die Reimsilben der gereimten Wörter klingen nach dem letzten betonten Vokal völlig gleich, z. B. „Raub“ - „Staub“, „Welt“ – „hält“.
  • Unreiner Reim: Ein Reim, bei dem entweder die Vokale oder die Konsonanten nicht identisch sind. Damit entsteht eine unvollkommene lautliche Übereinstimmung, z. B.  „Freude“ – „Seide“ oder „gerne“ – „Wärme“, „kälter“ - „Wälder“.

Reimschema: Nach der Abfolge der gereimten Worte innerhalb der Strophe ergeben sich bestimmte Reimformen.

  • Paarreim: (aabb)
  • Kreuzreim: (abab)
  • Umschließender/ umarmender Reim: (abba)
  • Schweifreim: (aabccb)
  • Verschränkter Reim: besteht aus sechs Verszeilen, bei denen sich das Reimschema jeweils wiederholt (abcabc)
  • Kettenreim (aba bcb cdc ded usw.)
  • Unterbrochener Reim/ halber Kreuzreim (xaxa)
  • Reimhäufung/ Haufenreim (aaaa)
  • Reimstellung: Die Reime können innerhalb eines Gedichts an unterschiedlichen Positionen innerhalb der Verszeilen auftreten.
    • Endreim: Die Schlusssilben zweier oder mehrerer Verszeilen sind gleichlautend.
    • Anfangsreim: Die Anfänge zweier oder mehrerer Verszeilen sind gleichlautend, z. B. „Krieg! Ist das Losungswort. / Sieg! und so klingt es fort“.
    • Binnenreim: Zwei Worte reimen sich innerhalb einer Verszeile, z. B. „Süßer Lamasohn auf Moschuspflanzenthron.
  • Sonett: Eine Gedichtform, bestehend aus 14 Verszeilen. Das italienische Sonett besteht aus zwei Vierzeilern (Quartetten) und zwei Dreizeilern (Terzetten). Das englische Sonett besteht aus drei Quartetten und einem Zweizeiler (Couplet). Metrum, Reimschema und Versfuß variieren je nach Form und Entstehungszeit.  So bevorzugte man im Deutschland des 17. Jahrhunderts in den Sonetten besonders den Alexandriner, einen sechshebigen Jambus mit Zäsur nach der dritten Hebung.
  • Stabreim: Der Stabreim ist eine Form der Alliteration, wobei die betonten Stammsilben zweier oder mehrerer benachbarter Wörter eines Verses den gleichen Anfangslaut besitzen, z. B. „Das Bein, das Bett, das Brot“.
  • Strophe: Absätze eines Gedichtes, bestehend aus mehreren Verszeilen, die verschiedene Formen und Längen haben können.
  • Vers: Jedes Gedicht hat Verse oder Verszeilen. Entsprechend der Anzahl und Art der Versfüße innerhalb einer Verszeile ergeben sich die folgenden Versformen:
    • Knittelvers: 4-hebiger Jambus mit Endreim, paarreimig, häufig unregelmäßig gefüllt.
    • Blankvers: 5-hebiger Jambus, ungereimt. Seit Lessing der klassische deutsche Dramenvers.
    • Alexandriner: 6-hebiger Jambus mit einer Zäsur nach der dritten Hebung. Diese Form wurde überwiegend in der Barockdichtung verwendet.
    • Hexameter: 6-hebiger Daktylus mit Zäsur. Die ersten vier Versfüße können durch Spondeen ersetzt werden. Der letzte Versfuß eines Hexameters ist katalektisch.
    • Pentameter: 5-hebiger Daktylus mit einer Zäsur nach dem dritten Versfuß. Die ersten beiden Versfüße können durch Spondeen ersetzt werden. Der dritte und der sechste Versfuß sind katalektisch.
    • Distichon: Verspaar, welches aus einem Wechsel von Hexameter und Pentameter besteht.
  •  Waise: Reimloser Vers innerhalb einer gereimten Strophe, z. B.

„Noch einen Kuß, noch einen Druck der Hand!

Und fröhlich zieh ich dann von Land zu Land;

Laß einmal noch der schwarzen Locken Pracht

Im Winde wehn, noch einmal singe sacht

Das schönste mir von deinen schönen Liedern!“

  • Zäsur: Syntaktischer, lautlicher und/oder metrischer Einschnitt innerhalb eines Verses, z. B.

„Der schnelle Tag ist hin / die Nacht schwingt ihre Fahn /
Und führt die Sternen auff. Der Menschen müde Scharen
Verlassen feld und werck / Wo Thier und Vögel waren
Trawert itzt die Einsamkeit. Wie ist die zeit verthan!“