Isolation und Schachvergiftung

Folter durch Isolation

Anhand der psychischen Veränderungen Dr. B.s während seiner Einzelhaft offenbart Stefan Zweig sehr eindrücklich, wie gefährlich eine „monomanische Erkrankung“ ist und dass eine kranke Psyche als wichtiger Teil des Menschen auch seine Körperfunktionen in Mitleidenschaft ziehen kann (S. 86).

Dr. B. wird als berufstätiger Rechtsanwalt und seelisch gesunder stabiler Mensch unverschuldet von der Gestapo in Einzelhaft genommen. Die Haftbedingungen dienen den Machthabern zugleich als Foltermethode: Dr. B. wird in ein Zimmer des Hotel Metropole eingesperrt, welches nichts außer einem Bett, einem Tisch, einem Sessel und einer Waschschüssel enthält (S. 58).

Indem Dr. B. einer vollkommenen Isolierung von Menschen und Gegenständen ausgesetzt wird, ist er seinen Gedanken hilflos ausgeliefert. Auf diese Weise will die Gestapo ihn dazu veranlassen, den Ort der versteckten Papiere und Vermögenswerte seiner Mandanten zu verraten: „ich sollte doch würgen und würgen an meinen Gedanken, bis sie mich erstickten und ich nicht anders konnte, als sie schließlich ausspeien, als auszusagen, alles auszusagen, was sie wollten“ (S. 62).

Erschöpfung und Risikobereitschaft

Dr. B. ist durch das Aushalten des Widerstands gegen seine „Folterknechte“ bereits geschwächt und seelisch erschöpft. Als er dann durch einen Zufall in den Besitz des Schachbuchs gelangt (S. 67ff.), wendet er noch einmal all seine geistige Kraft dafür auf, seine innere Leere mit dem Auswendiglernen der Schachpartien zu füllen und gleichzeitig die wirren Gedanken in eine andere Richtung zu lenken.

Dabei macht er die Erfahrung, dass diese Strategie nur eine begrenzte Zeit funktioniert: „Dann geriet ich unvermuteterweise an einen toten Punkt. Plötzlich stand ich neuerdings vor dem Nichts. Denn sobald ich jede einzelne Partie zwanzig- oder dreißigmal durchgespielt hatte, verlor sie den ...

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