Gottesbild

Der böse Gott

Bereits am Anfang der Erzählung klagt der Erzähler Gott an, weil dieser ein einfaches Bauernkind mit einem wunderbaren Musiktalent ausgestattet hat, das es aufgrund seines Umfelds niemals wird nutzen können:

„Die Beschreibung seines [Elias‘] Lebens ist […] eine Anklage wider Gott, dem es in seiner Verschwenderlaune gefallen hatte, die so wertvolle Gabe der Musik über ein Eschberger Bauernkind auszugießen, wo er doch hätte absehen müssen, daß es sich und seine Anlage in dieser musiknotständigen Gegend niemals würde nutzen und vollenden können“ (S. 13).

Das Bild des liebenden Gottes der christlichen Mythologie wird kurz darauf sarkastisch in sein Gegenteil verkehrt, wenn der Erzähler Gott einen „satanischen Plan“ (S. 13) für Elias unterstellt. Generell scheint der christliche Gott in Schlafes Bruder nicht gut auf Menschen zu sprechen zu sein: „Gott [...] liebt alles Unrecht unter der Sonne“ (S. 95) und der Erzähler betont mehrmals in Bezug auf die Feuer, die Eschberg letztlich vernichten, „daß Gott dort den Menschen nie gewollt hatte“ (S. 10, 76 & vgl.: S. 202).

Der Riss zwischen Gott und Elias jedoch ist noch persönlicher gestaltet. Elias‘ Verwandlung und die Überentwicklung seines Gehörs werden zwar als von Gott geschenkt und gelenkt beschrieben, sie sind jedoch auch grotesk und äußerst schmerzhaft für den fünfjährigen Protagonisten. Die Überfrachtung des kleinen Elias‘ mit Sinneseindrücken beschreibt der Erzähler folgendermaßen: „Aber Gott in seiner unendlichen Grausamkeit hörte nicht auf zu zeigen“ (S. 37). Dieses Bild des Gottes, der Elias ohne erkennbaren Grund drangsaliert, zieht sich weiter durch Elias‘ gesamte Beziehung zu Elsbeth.

So heißt es dann, wenn Elias Elsbeth aus den Flammen des elterlichen Hofs rettet: „In dieser Nacht des allgegenwärtigen Grauens verliebte sich Johannes Elias Alder in seine Cousine Elsbeth Alder. Mußte sich verlieben, denn Gott war noch lange nicht fertig mit ihm“ (78). Diese Formulierung wiederholt sich noch einmal in gedoppelter Form (vgl.: S. 39), bevor sie sich mit Elias‘ nahendem Tod wandelt: „Mehr zu hören, wurde ihm nicht bestimmt, denn Gott war fertig mit ihm“ (S. 198).

Der allmächtige Gott

In diesem Sinne – und vor allen Dingen vor dem Hintergrund der streng römisch-katholischen Religiosität der Romanfiguren – erscheint ‚Gott‘ nahezu als präsente Figur. Sieht doch sogar der wasserverschliffene Stein an der Emmer so aus, „als hätte vor grauer Zeit Gott selbst einen Schrit...

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