Das musikalische Genie

Das Naturgenie

In Robert Schneiders Romans Schlafes Bruder besitzt der Protagonist Elias Alder bei seinem Eintritt ins Leben eine ungewöhnliche Begabung und ein großes Talent. Die ersten Impulse, die Elias quasi von außen erhält, sind das Tedeum, das die Hebamme bei seiner Geburt singt (vgl.: S. 18), und das Erklingen der Orgel während seiner Taufe (vgl.: S. 29). Doch bereits das Hörwunder wirkt sich auf ihn selbst aus: „Der kleine Körper fing an, sich zu verändern“ (S. 35).

Alles Weitere bringt Elias sich selbst bei. Als er den Blasebalg für den schlecht spielenden Oskar Alder tritt, macht sich Elias mit der Orgel vertraut und korrigiert die Fehler seines Onkels zuerst gedanklich, dann mit der eigenen Stimme (vgl.: S. 63 – 66). Das eigentliche Spielen der Orgel lernt Elias, indem er nachts heimlich in der Kirche musiziert (vgl. S. 67 – 70). Letztlich gelingt es Elias, auch äußere Einflüsse, wie die Eigenarten Elsbeths, in sein Spiel einzubauen (vgl.: S. 99) und aus dem Stegreif polyphone Musik zu spielen, obwohl er „niemals polyphone Musik gehört“ (S. 95) hat.

Diese Fähigkeit, originale Kunst aus sich selbst heraus zu erschaffen, ist die Grunddefinition des Genies. Elias‘ übernatürliche Einzigartigkeit scheint ihm selbst jedoch nicht in vollem Ausmaß bewusst zu sein. Als Außenseiter empfindet er sich zwar, wenn er merkt, dass die übrigen Dorfkinder sich von ihm distanzieren (vgl.: S. 43 f.). Seine einmalige „Musikalität, die im wahren Sinne des Wortes unerhört war“ (S. 13), wird aber einzig vom Erzähler ausführlich erkannt und gelobt, Elias selbst nimmt sein Talent als gegeben hin. So verwundert es ihn nicht einmal, als es ihm gelingt, in der Ultraschallfrequenz der Tiere zu sprechen (vgl.: S. 55 f.).

Die Wirkungsweise, die Elias‘ Musik entfaltet, ist mit der des Romans vergleichbar, der seine Leser auf ähnliche Art und Weise – mithilfe der minutiös durchkomponierten Verquickung von Struktur und Inhalt – in den Bann zieht und in die Erzählung einbindet; schließlich wird auch der Leser immer wieder vom Erzähler direkt angesprochen, so wie Elias‘ Musik die Zuhörer anspricht. Daher stimmt es zwar, wenn Autor Robert Schneider mitteilt, dass seinem Roman keine strenge musikalische Form zugrunde liegt, die hypnotische Wirkung genialer Musik entfaltet der Text dennoch.

Musik und Gefühle

Zwar pflegt Elias sein Musiktalent durch ständiges Musizieren, hegt jedoch keine besonderen Pläne, damit in der Öffentlichkeit von sich reden zu machen. Wenn er zum Beispiel die Orgel der Dorfkirche repariert und ihr zu neuem Klang verhilft, so tut er dies nicht zur Eigendarstellung, sondern um der Orgel „ihre Seele“ (S. 98) zurückzugeben – was ihm auch gelingt: Nach der Reparatur kann Oskar Alder sein schlechtes Orgelspiel aufgrund des reinen Instrumentenklangs nicht mehr kaschieren, wird zum Trinker und nimmt sich wenig später das Leben (vgl.: S. 114). Dieser Selbstmord ist zwar nicht Elias‘ Intention, verhilft ihm aber dennoch dazu, selbst Organist von Eschberg zu werden.

Unverkennbar eigennützig wird Elias‘ Musizieren allerdings dort, wo sich seine Liebe zu Elsbeth hineinmischt. Er webt ihre Eigenarten in seine Kompositionen ein, er „entwarf Musik, die den Duft ihres laubgelben Haares einfing, das Beben des Mündchens, den piepsigen Klang ihres Mädchenlachens, oder das Knacken der Falten im blauen Damastschürzchen“ (S. 99). Zwar feilt Elias, angespornt durch seine Besessenheit von Elsbeth, auch an seinem Talent. Das ändert jedoch nichts daran, dass es ihm niemals gelingt, Elsbeth in Worten seine Liebe z...

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