Vorarlberg im 19. Jahrhundert

Bauerndasein und frühe Industrialisierung

Bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts hinein ist die Region Vorarlberg in den Österreicher Alpen noch dünn besiedelt und vorrangig durch den römisch-katholischen Glauben geprägt. Wie in Schlafes Bruder dargestellt, lebt die Bevölkerung zu großen Teilen in Bergdörfern und besteht aus einfachen Bauern, die sich ihr Einkommen durch harte Feldarbeit verdienen müssen. Die Verkehrsanbindung an die größeren Städte ist lediglich durch Fuhrwerke möglich, entsprechend findet nur ein geringer Austausch zwischen den Land- und Stadtregionen statt. Auch was die Bildung angeht, ist die Landbevölkerung von qualifiziertem Lehrpersonal abgeschnitten: Die Bauernkinder müssen ihren Eltern bei der Arbeit helfen und werden gemeinsam in der Dorfschule von einem einzigen Lehrer unterrichtet, der zumeist noch andere weitere Aufgaben zu erfüllen hat (wie beispielswese auch Oskar Alder als Kirchenorganist in Schlafes Bruder).

Der Beginn der Romanhandlung spielt also an einem Ort, der zu dieser Zeit noch von Armut und Rückständigkeit gekennzeichnet ist. Wie in Schlafes Bruder angedeutet, setzt jedoch in der Mitte des 19. Jahrhunderts in Vorarlberg bereits die Industrielle Revolution ein: Die Eisenbahn kommt auf, das Straßennetz wird ausgebaut und der Kontakt zwischen Bauern und Städtern intensiviert sich, wie Schlafes Bruder eindrucksvoll am Beispiel des Köhlers Michel illustriert, der aufgrund der Lektüre des Philosophen Herder plötzlich aufbricht, um nach Kalifornien zu reisen (vgl.: S. 156 – 159). An dieser Stelle nimmt Robert Schneiders Roman eine literarische Umkehrung der Verhältnisse vor, wie sie eigentlich im 19. Jahrhundert als Folge der Industriellen Revolution zu verzeichnen sind.

Idylle und verrohte Verhältnisse

Das Bauernleben wird nämlich im 19. Jahrhundert immer stärker als Gegenpol zum industrialisierten Großstadtdasein, in dem das Individuum angeblich verlorengeht und verkümmert, in sogenannten Dorfgeschichten als die bessere Lebensweise idealisiert.[1] Die Natur-, Heimat-, Werte- und Traditionsverbundenheit kennzeichnen die Figuren dieser Dorfgeschichten und verleihen den Erzählungen ein in sich geschlossenes Weltbild, das Sinn, Sicherheit und Stabilität stiftet.

Diese literarische Gattung der Dorfgeschichten greift Schlafes Bruder auf und parodiert sie. Denn die Bevölkerung des Dorfes Eschberg aus Robert Schneiders Roman ist alles andere als friedlich: Betrug, Schlägereien, Selbstjustiz und M...

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