Kunstmärchen

Nicht von ungefähr lässt der Erzähler von Schlafes Bruder auf der letzten Seite die inzwischen durch ihre Hochzeit zur Lukasin gewordene Elsbeth ihren Kindern die Geschichte von Elias als „Märchen“ (S. 203) vortragen. Dieses Märchen – dessen wahren grausamen Ausgang nur der Erzähler, der Leser und Elias‘ Cousin Peter Alder kennen – nimmt in Elsbeths Version ein gutes Ende: Sie geht davon aus, dass Elias Eschberg deshalb zugunsten eines besseren Lebens verlassen hat, weil er in seinem Heimatdorf keine Liebe habe finden können (vgl.: S. 204). In Elsbeths Gedankenwelt bleibt also das klassische Schwarz-Weiß-Konstrukt des Volksmärchens intakt, in dem die Figuren einfache Beweggründe statt komplexer Persönlichkeiten besitzen und das Gute über das Böse triumphiert.

Schlafes Bruder lässt sich jedoch eben gerade nicht als Volksmärchen lesen, sondern wegen seiner Komplexität als Kunstmärchen. Anders als bei den Volksmärchen, die sich über viele Generationen durch mündliche Überlieferung erhalten und weiterentwickeln, ist bei den Kunstmärchen immer der Autor des schriftlich fixierten Textes bekannt.

Die Kunstmärchen bedienen sich wie die Volksmärchen fantastischer und wundersamer Elemente; dieses Merkmal ist bei Schlafes Bruder gegeben, sehr deutlich in Form von Elias‘ Hörwunder (vgl.: S. 34 – 39), aber beispielweise auch in ...

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