Leitmotive

Feuer

Feuer an sich ist als Symbol bereits mit einer zwiespältigen Bedeutung aufgeladen: Einerseits kann es für die Liebe und die brennende Leidenschaft stehen, wie sie Elias für seine Cousine Elsbeth empfindet. Andererseits ist Feuer konnotiert mit Gewalt, Zerstörung und Schmerz; all dies wiederum verspürt Elias, sobald er erkennt, dass seine Liebe aussichtslos ist. So ist es gewiss kein Zufall, dass der von Peter gelegte erste Brand von Eschberg derjenige Moment ist, in dem Elias‘ aussichtslose Liebe zu Elsbeth vollends ‚aufflammt‘: „In dieser Nacht des allgegenwärtigen Grauens verliebte sich Johannes Elias Alder in seine Cousine Elsbeth Alder“ (S. 78). Diesen Brand legt Peter am 24. Dezember 1815 deshalb aus Rache, weil sein Vater ihm den Arm bricht, nachdem Peter Süßigkeiten gestohlen hat (vgl.: S. 68); Peter hofft, dass sein Vater in den Flammen umkommt (vgl.: S. 79).

Stattdessen jedoch vernichtet das Feuer, das durch eine langanhaltende Trockenperiode sowie starken Föhnwind begünstigt wird und „[e]ine Nacht und einen halben Tag“ (S. 79) lang wütet, „[f]ünfzehn Höfe […, z]wie greise, bettlägrige Männer […,] vier Kleinkinder […, a]n die hundert Stück Vieh und Kleingetier“ (S. 79). Halb Eschberg liegt in Schutt und Asche, acht Familien verlassen das Dorf notgedrungen (vgl.: S. 80) und viele weitere Bewohner müssen provisorisch im Wirtshaus untergebracht werden, weil sie ihr Hab und Gut verloren haben (vgl.: S. 86).

Dieser Brand ist jedoch nur der erste von insgesamt drei Bränden, die das Dorf Eschberg bis zum Ende heimsuchen. Der zweite bricht (noch vor Peters Tod im Jahr 1841; vgl.: S. 201) „aus ungeklärter Ursache an einem föhnigen Märzmorgen“ (S. 202) aus und „zerstörte fast das gesamte Dorf“ (S. 202), außerdem brennt „das Kirchlein […] bis auf die Grundmauern nieder“ (S. 202). Das einzige Todesopfer ist diesmal der halbseitig gelähmte Seff Alder, weil Elias‘ älterer Bruder Fritz den mongoloiden Philip anstelle des Vaters rettet (vgl.: S. 202). Zurück bleiben diesmal lediglich „[z]wei Lamparter Familien und eine Aldersche, insgesamt dreizehn Menschen“ (S. 202), die anderen verlassen das Dorf. Der dritte und letzte Großbrand trägt sich am 5. September 1892 zu, es sterben „in ihren Betten zwölf Menschen, in den Ställen achtundvierzig Stück Vieh“ (S. 10 & 202). Von allen unbemerkt überlebt einzig Elsbeths ältester Sohn Cosmas Alder, der schließlich im Jahr 1912 als Greis „auf seinem verwahrlosten Hof verhungert“ (S. 10).

Für Elias Benzer, Eschbergs Kuraten und Elias‘ und Peters leiblichen Vater, ist das Feuer deshalb der „Grundpfeiler seiner Theologie schlechthin“ (S. 20), da er als Kind eine der letzten Hexenverbrennungen miterlebt hat. Seinetwegen wird beinahe die Seelenzilli bei lebendigem Leib verbrannt (vgl.: S. 21 – 24); später ereilt den Meistenteils tatsächlich dieses Schicksal (vgl.: S. 84). Seff Alder, der die Mörder des Meistenteils anführt, verbrennt beim zweiten Großbrand halbseitig gelähmt auf seinem Hof (vgl.: S. 202). Insofern ist das Feuer in Schlafes Bruder bei aller Gewalt auch reinigend, denn es merzt sämtliche Fehler aus und sühnt alle Sünden, und zwar ähnlich dem Fegefeuer der römisch-katholischen Glaubenslehre: Es rächt den Lynchmord am Meistenteils, bestraft Peter für das Entfachen des ersten Brandes (er stirbt an einer Krankheit namens „Sankt-Antonius-Feuer“; S. 201), verzehrt als glühende Leidenschaft Elias‘ verbotene Liebe zu seiner Cousine und radiert letztlich das komplette Bergdorf aus, das „Gott dort […] nie gewollt hatte“ (S. 76).

Wasser

Das Wasser, das in Schlafes Bruder in erster Linie durch den Fluss Emmer verkörpert wird, hat im Gegensatz zum Feuer eine subtilere ...

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