Herbsttag

Entstehung

Das Gedicht „Herbsttag“ schreibt Rainer Maria Rilke im Jahr 1902, einem Jahr, das zu einem wichtigen Wendepunkt im Leben des Dichters wird. Im Herbst lässt er seine Ehefrau, die deutsche Bildhauerin und Malerin Clara Westhoff, und die im Dezember 1901 geborene gemeinsame Tochter Ruth in Deutschland zurück, um in Paris an einer Monografie über den berühmten Bildhauer Auguste Rodin (1840-1917) zu arbeiten. In dieser Umbruchsphase schreibt er auch das symbolische Gedicht „Herbsttag“ , welches in seinem Gedichtband „Das Buch der Bilder“ (1902) zum ersten Mal publiziert wird.

Das Gedicht schildert nicht, wie man den Titel verstehen könnte, einen Herbsttag, sondern thematisiert symbolisch den Übergang der Jahreszeit vom Sommer zum Herbst. In den beiden ersten Strophen wendet sich das Lyrische Ich an Gott und bittet ihn, den Herbst kommen zu lassen. Die dritte Strophe beschreibt, was der Jahreszeitenwechsel für den Menschen bedeutet. In seiner Schaffensphase zwischen 1902 und 1910 wendet sich der Lyriker in seinen Gedichten oft der menschlichen Grunderfahrung zu. Seine eigenen Erlebnisse deutet er dabei exemplarisch als Spiegel der menschlichen Seele. 

Form

Das Gedicht besteht aus drei Strophen mit einer ansteigenden Verszahl: Die erste Strophe weist drei, die zweite vier und die dritte fünf Verse auf. 

Die erste Strophe wird aus einem umarmenden Reim gebildet, wobei die sich reimenden Verse eine Waise umschließen. Das Reimschema ist a-a. Zudem findet sich ein Binnenreim „Sonnenuhren“–„Fluren“ (V. 2f.) zwischen den beiden Versen des umarmenden Reims. Die zweite und die dritte Strophe enthalten einen vollständigen umarmenden Reim. Der letzte Vers der dritten Strophe reimt sich darüber hinaus auf die beiden inneren Verse des umarmenden Reims. Das Reimschema der dritten Strophe ist: abbab. 

Das Metrum des Gedichts ist ein fünfhebiger Jambus mit geringfügigen Abweichungen, die zur Betonung bestimmter Textpassagen verwendet werden. Zum Beispiel wird die direkte Ansprache „Herr“ auf der ersten Silbe des ersten Verses betont. Aber auch im letzten Vers findet die erste Silbe Betonung, sodass die rhythmischen Unregelmäßigkeiten einen Rahmen um das Gedicht spannen. 

Analyse 

In jeder seiner Strophen greift das Gedicht „Herbsttag“ einen anderen Aspekt der Jahreszeit auf.  Dahinter liegt jedoch eine tiefere Ebene verborgen, die sich den Lebensphasen des Menschen zuwendet. 

Erste Strophe 

Die erste Strophe beginnt mit einer direkten Ansprache: „Herr“ (V. 1). Das Lyrische Ich wendet sich folglich in der Form eines Gebets direkt an Gott und macht den Allmächtigen darauf aufmerksam, dass es nun an der Zeit für den Übergang vom Sommer zum Herbst ist. Um diesen Wandel deutlich zu machen, wird der Sommer im Präteritum beschrieben: „war sehr groß“ (V. 1). Nun aber ist dieser vergangen und so bittet das Lyrische Ich in den Imperativen „Leg“ (V. 2) und „laß“ (V. 3) Gott, den Herbst einkehren zu lassen.

Die „Schatten auf den Sonnenuhren“ (V. 2) deuten auf die immer kürzer werdenden Tage hin. Die „Winde auf den Fluren“ (V. 3) verweisen darauf, dass die Ernte abgeschlossen ist und die kahlen Felder viel Raum für die säuselnden, kalten Winde bieten. Die „Schatten“ und „Winde“ sind Phänomene der Natur, die den dunklen und kalten Jahreszeiten zugeordnet werden.

Diese Strophe spielt deutlich auf die Vergänglichkeit an, damit ist nicht nur die vorbeirasende Zeit, sondern auch das Vergehen alles Lebendigen (wie zum Beispiel das Verwelken einer Blume, das Absterben der Baumblätter etc.) gemeint. Der lange („große“) Sommer weicht dem Herbst, wieder ist ein Zeit- und Lebensabschnitt abgeschlossen. Die „Sonnenuhren“ als Zeitmesser greifen diese Thematik ebenfalls auf. Die kontrastierende Verbindung zwischen „Schatten“ und „Sonne“ verdeutlicht das tiefgreifende Ausmaß dieser Veränderung. 

Zweite Strophe

In der zweiten Strophe wird das Gebet des Lyrischen Ich fortgesetzt. Mit den Imperativen „Befiehl“ (V. 4), „gieb“ (V. 5) und „dränge“ (V. 6) bittet das Lyrische Ich den Allmächtigen drei Mal am Versanfang, den Früchten zur vollen Reife zu verhelfen. Der Herbst ist die ...

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