Herbst

Einleitung

Im Jahr 1901 gründet Rainer Maria Rilke zusammen mit der Bildhauerin Clara Westhoff eine Familie. Im Dezember desselben Jahres bekommt das Paar ihre Tochter Ruth. Eigentlich sollte das Leben des zuvor in eine verheiratete Frau verliebten Dichters nun eine positive und glückliche Wendung nehmen, doch die Unzufriedenheit mit dem Familienleben macht sich schon früh bei ihm bemerkbar. Diese Unzufriedenheit und die Mittellosigkeit des Dichters, der nun eine Familie zu versorgen hat, lassen den 27-jährigen Rilke im Herbst 1902 nach Paris übersiedeln, um dort eine Monografie über den berühmten französischen Bildhauer Auguste Rodin zu verfassen. Seine Frau soll ihm später folgen, nachdem sie ihre gemeinsame Tochter den Eltern übergeben hat. Doch zunächst hält sich der Dichter allein in der großen Stadt in einem fremden Land aus, in der er am 11. September 1902 das Gedicht „Herbst“ verfasst.

Reimschema, Form und Titel

Das Gedicht „Herbst“ besteht aus vier Strophen, wobei die erste Strophe aus drei, die nachfolgenden Strophen aus je zwei Versen bestehen. Das Metrum ist ein regelmäßiger fünfhebiger Jambus. Das Reimschema ist a-b ba cd dc. Die Kadenzen variieren passend zu den Reimen, wobei die Waise, die b-Reime und die d-Reime eine weibliche Kadenz, die a-Reime und die c-Reime dagegen eine männliche Kadenz aufweisen.

Das Gedicht ist zweiteilig. Die ersten beiden Strophen beziehen sich auf Naturphänomene, während die letzten beiden sich dem Menschen zuwenden. Die vier Strophen sind durch das Verb „fallen“, welches als Motiv in allen Strophen erscheint und in verschiedenen Kontexten thematisiert wird, miteinander verbunden. Der zweite Teil ist antithetisch aufgebaut: „Wir“ und „allen“ in der dritten Strophe stehen im Kontrast zu „Einer“ und „seinen“ in der vierten Strophe.

Der Titel „Herbst“ verweist sowohl auf die Jahreszeit, in der die Blätter von den Bäumen herabfallen, als auch auf den Herbst des Lebens, der die Zeit vor dem hohen Alter des Menschen darstellt, eine Periode voller Verluste geliebter Menschen, wie Mutter, Vater oder Freunde, die zur Einsamkeit führt. Der Titel weist folglich auf zweifache Weise auf den Verfall und die Vergänglichkeit hin.

Analyse und Interpretation

So übersichtlich und kurz das Gedicht auf den ersten Blick erscheint, so weitreichend sind die Ebenen der Interpretation. Es lohnt sich also, einen genaueren Blick auf die einzelnen Begriffe und rhetorische Figuren zu werfen.

1. Strophe

Die erste Strophe besteht aus drei Verszeilen, die eine syntaktische Einheit bilden: „Die Blätter fallen, fallen wie von weit,/ als welkten in den Himmeln ferne Gärten;/ sie fallen mit verneinender Gebärde.“ (V. 1-3). Das Gedicht wird mit einem für den Herbst typischen Naturphänomen eröffnet – dem Fallen der Blätter. Die Anadiplose in der ersten Verszeile hebt das Hauptmotiv des Gedichts noch zusätzlich hervor: das Verb „fallen“.

Die beiden nachfolgenden Vergleiche „wie von weit,/ als welkten“ (V. 2f.) sind mit einer Alliteration miteinander verbunden. Sie schildern den Eindruck des Lyrischen Ichs, dass die Blätter nicht von den Bäumen herabfallen, die für den Menschen erreichbar und sichtbar sind, sondern von viel weiter oben, aus den Gärten im Himmel, womöglich sogar aus dem berühmtesten aller himmlischer Gärten, dem Garten Eden. Der Vergleich mit den fernen himmlischen Gärten, eingeleitet mit der Partikel „als“ (V. 2), veranschaulicht dieses Empfinden des Lyrischen Ichs und definiert die Adjektive „weit“ (V. 1) und „fern“ (V. 2). Dem herbstlichen Phänomen wird auf diese Weise ein größerer Rahmen zugemessen.

Die Blätter werden personifiziert, da ihnen eine Art Körpersprache zugewiesen wird, eine „verneinende Gebärde“ (V. 3). Das Bild „mit verneinender Gebärde“ kann als eine Weigerung interpretiert werden: Die Blätter im Wind wehren sich dagegen, den Boden zu berühren. Sie scheinen nicht auf dem Boden fallen zu wollen, sondern lassen sich vom Wind tragen und wirbeln weiter. Die verneinende Bewegung entsteht dabei bei dem Hin-und-Her-Wehen der Blätter und dem Kreuzen ihrer Flugbahnen beim Schweben im Wind.

Des Weiteren könnte die verneinende Gebärde auch als eine negative, ablehnende Botschaft aus dem Himmel verstanden werden: als ein Zeichen des Vergänglichen, des Verfalls oder gar der Erinnerung an die menschliche Ursünde. Dieser Zusammenhang wird auch durch den gleichen Anlaut der letzten Worte der Verse zwei und drei „Gärten“ und „Gebärde“ angedeutet.

 D...

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