Das Karussel

Einleitung

Das Gedicht Das Karussell schreibt Rainer Maria Rilke im Juni des Jahres 1906 in Paris. In dieser Zeit arbeitet er als Sekretär für den berühmten Bildhauer Auguste Rodin und verfasst dessen Biografie. Täglich umgeben von der Bildenden Kunst, verfasst Rilke Gedichte, die sich in erster Linie Objekten zuwenden: sogenannte Dinggedichte. Das Lyrische Ich, seine Gedanken und Gefühle treten in dieser Form der Lyrik zurück. In den Vordergrund rückt dagegen die Beschreibung eines Gegenstands, die aber nicht weiter erläutert, vertieft oder analysiert wird. Das Objekt steht für sich, seine äußere Form und sein Innenleben werden in der Beschreibung offenbart.

Das Karussell sowie die Lyrik Rilkes in dieser Zeit gehören einer dem Naturalismus entgegengesetzten Strömung an, die auf impressionistischen und symbolistischen Ideen aufbaut. Der Dichter bemüht sich, in den Versen die Vergänglichkeit des Moments festzuhalten. Das Vorbeirauschen des Karussells lässt beim betrachtenden Zuschauer nur Eindrücke, Farben sowie flüchtige Details zurück.

Form, Metrum und Reimschema

Das Gedicht besteht aus siebenundzwanzig Versen und sieben Strophen, die unterschiedliche Längen aufweisen. Die erste Strophe besteht aus acht Versen, die zweite und die dritte Strophe aus jeweils drei, die vierte Strophe ist ein Einzeiler, die fünfte weist vier Verse auf, die sechste Strophe ist erneut ein Einzeiler und schließlich endet das Gedicht mit der siebten Strophe aus sieben Versen.

Das Metrum ist ein durchgehender fünfhebiger Jambus. Das Reimschema ist sehr komplex und weist umarmende Reime und Kreuzreime auf: abbabccb ded fbf b effe b ghghggh. Die Kadenzen variieren, wobei zu Beginn des Gedichts überwiegend männliche Kadenzen Anwendung finden, zum Ende jedoch weibliche Kadenzen die Oberhand gewinnen. Dabei weisen die Verse mit einer männlichen Kadenz zehn, die Verse mit der weiblichen Kadenz aber elf Silben auf.

Rilke verbindet im Gedicht die Form und ihren Inhalt kunstvoll miteinander. Die formelle Struktur des Gedichts korrespondiert mit der Beschreibung des Karussells. Der gleichmäßige fünfhebige Jambus verdeutlicht die Monotonie der immer gleichen Bewegung im Kreis. Auch der wiederkehrende Reim „b“ spielt auf diese Gleichmäßigkeit an: Beobachtet man nämlich das Karussell aus einer festen Perspektive heraus, so sieht man immer wieder, und zwar Runde für Runde, dieselben Bilder vorbeirauschen.

Die Kadenzen stehen zunächst für das langsame, stockende Anfahren des Karussells mit den abrupten männlichen Kadenzen und für die flüssige, durchgehende Bewegung am Ende mit den weiblichen Versenden, bis die Fahrt schließlich zu einem plötzlichen Ende kommt. Eine ähnliche Bewegung lässt sich auch anhand der Strophenlängen beobachten: Der träge Beginn der Fahrt ist in der langen ersten Strophe erkennbar, die Beschleunigung wird im schnellen Strophenwechsel sichtbar, bis schließlich erneut eine lange Strophe die Fahrt zu einem Ende bringt.

Die Schilderung des Karussells im Jardin du Luxembourg in Paris durch das Lyrische Ich veranschaulichen, wie ein außenstehender Passant eine Karussellfahrt wahrnimmt. Das Karussell wird in der ersten Strophe als Ganzes betrachtet, denn im langsamen Anfahren kann der Passant es als ein Gesamtgebilde wahrnehmen. Anschließend folgen Detailaufnahmen. In der zweiten Strophe fokussiert der Beobachter ein Mädchen, in der dritten einen Jungen, in der fünften eine Gruppe von Mädchen, die schon etwas größer zu sein scheinen. Die Strophen vier und sechs verweisen auf den wiederkehrenden weißen Elefanten und verdeutlichen auf diese Weise die Drehbewegung des Karussells. Schließlich hat die Fahrt in der siebten Strophe so an Geschwindigkeit gewonnen, dass der Beobachter sich erneut dem Karussell als Ganzem zuwendet. Er konzentriert sich auf die Bewegung, auf die verschwommenen Farben und vorbeirauschenden Details, bis die Fahrt zu einem abrupten Ende kommt.

Die gesamte Fahrt wird als eine Einheit geschildert. Die verknüpfende Partikel „sogar“ am Anfang der zweiten Strophe sowie die Konjunktion „und“ zu Beginn der weiteren Strophen lassen den Text wie eine Anreihung oder eine rhythmische Aufzählung wirken, welche die schnelle, drehende Bewegung des Karussells sprachlich nachbildet.

Analyse

Erste Strophe

Die vier ersten Verse bilden einen Satz und beginnen mit einer Inversion, welche zunächst die Konstruktion und die Beleuchtung unterstreicht: „Mit einem Dach und seinem Schatten dreht/ sich eine kleine Weile der Bestand/ von bunten Pferden, alle aus dem Land,/ das lange zögert, eh es untergeht.“ (V. 1-4). Die ersten drei Verse der ersten Strophe sind mit Enjambements miteinander verbunden. Die Zeilensprünge beschleunigen den Lesefluss und unterstreichen damit das Gefühl der schneller werdenden Bewe...

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