Abschied

Einleitung

Rainer Maria Rilke schreibt das Gedicht „Abschied“ im Jahr 1899. Die Strophen handeln von den Emotionen und Gefühlen eines Lyrischen Ichs beim Abschiednehmen von einer anderen Person.

In dieser Zeit pflegt Rilke eine Beziehung mit der vierzehn Jahre älteren, verheirateten Lou Andreas-Salomé, in die er sich während seines Studiums der Philosophie in München verliebt hat. Die einflussreiche Literatin ist nicht nur seine Geliebte, sondern auch seine Lehrerin und Beraterin. Sie vermittelt dem Dichter Nietzsches Gedankenwelt und teilt mit ihm ihre Liebe für ihre russische Heimat.

Im Sommer 1899 reist das Paar gemeinsam nach Moskau und St. Petersburg, womöglich kann  die Verabschiedung nach der langen gemeinsamen Zeit mit der Geliebten Rilke zu diesen Zeilen inspiriert haben. Der endgültige Abschied ist nämlich erst 1901 zu verzeichnen, als Rilke bei einem Aufenthalt in der Künstlerkolonie in Worpswede bei Bremen die Bildhauerin Clara Westhoff kennenlernt und diese anschließend heiratet.

Das impressionistische Gedicht

Als einer der wesentlichen Vertreter der literarischen Moderne greift Rilke in seinen Werken häufig auf einen impressionistischen Stil zurück: Empfindungen und Eindrücke – Impressionen – werden skizzenhaft festgehalten. Dabei geht es weniger um das genaue Beschreiben und Darstellen der Realität als um die Wahrnehmung der Außen- und Innenwelt durch den Dichter.

Auch das Gedicht „Abschied“ ist dem Stil des Impressionismus zuzuordnen. In einer stark metaphorischen, poetischen Sprache deutet das Lyrische Ich seine Gefühle nur an. Eine rationale, reflektierte und genaue Beschreibung der Empfindungen bleibt aus, die äußeren Umstände werden ebenfalls nicht definiert. Es entwickelt sich lediglich eine Ahnung, eine brüsk gezeichnete Skizze von der Außenwelt und der Innenwelt des Sprechenden.  

Form

Das Gedicht besteht aus drei Strophen zu je vier Verszeilen. Das vorherrschende Metrum ist der vierhebige Jambus. Die Kadenzen variieren passend zum Reimschema der jeweiligen Strophe.

Die erste Strophe beinhaltet einen umarmenden Reim (abba), die Kadenz des ersten und vierten Verses ist männlich, die Kadenz der Verse zwei und drei weiblich. In der Strophe zwei liegt ein Kreuzreim (cdcd) vor. Die Verse fünf und sieben haben eine weibliche Kadenz, die Verse sechs und acht eine männliche. In der Strophe drei ist erneut ein umarmender Reim (effe) gegeben, dieses Mal haben jedoch die Verse neun und zwölf eine weibliche und die Verse zehn und elf eine männliche Kadenz. Durch die Wiederholung des umarmenden Reims in der ersten und in der letzten Strophe kommt eine Rahmung der mittleren Strophe zustande.

Das in seiner Form einfache Gedicht erweist sich durch die Verwendung vieler Sprach- und Stilmittel auf den zweiten Blick als sehr komplex.

Analyse und Interpretation 

Strophe 1

Die erste Strophe besteht aus zwei syntaktischen Einheiten. Der erste Vers bildet einen Satz, die drei anderen Verse den zweiten Satz.

Die Inversion „Wie hab ich“ (V. 1) im ersten Vers verleiht der beschriebenen Empfindung des Lyrischen Ichs Intensität. Der Sprecher bringt auf diese Weise ein ganz starkes Gefühl zum Ausdruck, das er mit dem schlüssel- und titelgebenden Wort „Abschied“ (V. 1) benennt. Im ersten Vers schildert er durch seine indirekte Frage das Thema des Gedichts, das er in den drei nächsten Versen erweitert und präzisiert.

Der erste Vers ist zweigeteilt und als eine indirekte Frage formuliert, wobei „was Abschied heißt“ einen Nebensatz darstellt. Hier trennt aber nicht wie üblich ein Komma den Hauptsatz von dem Nebensatz ab. Der erste und der zweite Vers sind mit der Anapher „Wie“ (V. 1) miteinander verknüpft. Die Anfänge der Verse eins und zwei: „Wie hab ich / Wie weiß ich“ bilden einen Parallelismus.

Die Inversion „Wie weiß ich’s noch“ (V. 2) weist darauf hin, dass der beschriebene Abschied bereits in der Vergangenheit liegt und dass der Sprecher von einer bestimmten Situation spricht, die er erlebt hat. Die Wiederholung des Personalpronomens „ich“ in den beiden ersten Versen unterstreicht die Subjektivität der Erfahrung. Die AlliterationWie weiß“ (V. 2) dient der intensiven Beschreibung des Gefühls, welches anschließend als „ein dunkles unverwundnes grausames Etwas“ (V. 2f.) geschildert wird.

Die zweite, dritte und vierte Verszeile sind mit Enjambements verbunden. Die Verse zwei und drei enthalten mehrere beschreibende Adjektive, „dunkles unverwundnes“ und „grausames“, sowie Nomen, „Etwas“ und „Schönverbundnes“, während der letzte Vers drei Verben enthält: „zeigt und hinhält und zerreißt“.

Mit dem Substantiv „Etwas“ und dem Adjektiv dunkel gewinnt der Abschied eine Gestalt. Er wird zu einem greifbaren Objekt. Die Adjektive „unverwunden“ und „grausam“ erwecken es sogar zum Leben: Wie ein Mensch oder Tier verfolgt der Abschied eine böse Absicht, bei deren Erfüllung er grausam vorgeht.

Das „Schönverbundene“ ist ein Neologismus, der den Bund der Liebe oder Freundschaft zwischen zwei Personen beschreibt. Diese beiden Personen versichern sich vor dem Abschied in einer innigen Verabschiedung ihr...

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