Rezension

Eine Liebesbeziehung zwischen einem Sachbuchautor und einer jungen Physikstudentin, die es nicht schafft, die psychische Belastung einer Fehlgeburt zu verkraften - das ist der Kern des Romans „Agnes“. Die Handlung ist einfach, doch die Charaktere und ihre Leiden in der modernen Gesellschaft sind vielschichtig und aufwühlend.

Der schweizerische Autor Peter Stamm hat mit „Agnes“ in den neunziger Jahren ein literarisches Debüt geschrieben, das mittlerweile zur Pflichtlektüre einiger deutscher Abiturienten geworden ist.

Für den heutigen Leser wirkt „Agnes“ auf den ersten Blick wie leichte Kost: Die Sprache ist einfach verständlich, und die extrem kurzen 36 Kapitel lesen sich hintereinander weg in einem Rutsch.

Vieles an dem Roman wirkt sehr konstruiert. Schon zu Beginn erfahren wir das Ende der Geschichte, der erste Satz: „Agnes ist tot.“ verrät schon, wohin die Reise geht. Auf das erste Kapitel folgt eine Rückblende: Die Geschichte, wie es zum Ende der jungen Physikstudentin kommen konnte, wird von vorn erzählt, von einem Ich-Erzähler, der dem Leser nicht einmal seinen Namen verrät. Einige durchaus originelle Ideen enthält der Roman, z. B. das „Geschichte-in-der-Geschichte“-Element. Viele Stilmittel fallen ins Auge: Allzu deutlich zieht sich das Todesmotiv und ein symbolisches Spiel mit Licht und Dunkel durch den Roman. Und wenn man Max Frischs „Homo Faber“ gelesen hat, sind die Parallelen zu dem Meisterwerk aus den fünfziger Jahren offensichtlich.

Doch in „Agnes“ steckt mehr, als literarische Stileffekte und eine Hommage an Frisch. Die Geschichte ist zwar leicht verständlich, doch die feinen Geschehnisse, die die Bereiche Liebe, Schwangerschaft, Kunst, Trauer und Eifersucht berühren, entfalten sich erst mit der Zeit für den Leser. Je mehr man über das Buch nachdenkt, desto mehr kleine Details der Handlung fallen auf, und die Beziehung des Liebespaares und die einzelnen Charaktere werden immer komplexer. Auch emotional wird man mehr und mehr mitgenommen, je länger man sich auf das Leiden der Titelheldin – und auch der Figuren um sie herum - einlässt. Die unterschwellige Melancholie, die in diesem Roman die ganze Zeit mitschwingt, gipfelt in dem tragischen Ende einer jungen Frau, die dem psychischen Druck, der auf ihr lastet, nicht mehr standhalten kann.

„Agnes“ ist ein sensibles Porträt einer Frau durch einen beinahe ahnungslos scheinenden Erzähler, der nie ganz zu ihr durchdringt und dessen Liebe zu ihr sie nicht retten kann.