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Fiktion und Wirklichkeit

„Ein Mann, der so schöne Briefe schreibt, kann kein schlechter Mensch sein“, (S. 37). Diesen Satz sagt eine Mitreisende zum Erzähler auf der Zugfahrt nach New York. Sie glaubt daran, dass der Mann, mit dem sie Briefkontakt hat und zu dem sie auf dem Weg ist, um ihn in persona zu treffen, in Wirklichkeit so ist, wie er in seinen Briefen scheint. Hier kann man die Idee des Romans in aller Deutlichkeit erkennen: Fiktion und Wirklichkeit überschneiden sich. Das passiert auch in der Beziehung zwischen Agnes und dem Erzähler.

Der Erzähler beginnt an einem Punkt in seiner Beziehung mit Agnes, eine Geschichte über seine Freundin zu schreiben. Weil er Autor von Beruf ist, kommt Agnes auf diese Idee (S. 48). Er lässt sich auf das Experiment ein. Dass er eine andere Vorstellung davon hat, wie Agnes ist, zeigt sich bereits, als er anfängt, die ersten Entwürfe zu schreiben, mit denen Agnes uneinig ist: „,Du wirst aus meinem Kopf neugeboren wie Athene aus dem Kopf von Zeus, weise, schön und unnahbar.‘ ,Ich will nicht unnahbar sein‘, sagte Agnes und küsste mich auf den Mund‘“, (S. 55). Agnes möchte nicht reserviert, kühl, distanziert oder unzugänglich sein, sondern wünscht sich wahrscheinlich vielmehr Nähe, Intimität, Vertraulichkeit und Herzlichkeit.

Der Erzähler schreibt also auf, was er mit Agnes erlebt hat. Aus seiner Perspektive allerdings, und wieder zeigt sich, dass seine Wirklichkeitsauffassung und die von Agnes ganz unterschiedlich sind. „Manches, was ich ausführlich beschrieb, fand sie als belanglos. Anderes, was ihr wichtig war, kam in der Geschichte gar nicht vor […]“, (S. 56). Irgendwann überholt die Fiktion die Wirklichkeit, und der Erzähler kann seine Geschichte frei schreiben. Scherzhaft behauptet er: „Ich weiß schon, was geschehen wird“, (S. 63).

Der Erzähler nimmt von nun an durch seine Geschichte Einfluss auf die Realität. Er schreibt auf, was Agnes anzieht, und sie folgt der Vorgabe: „Wirklich trug Agnes das kurze blaue Kleid, als sie am nächsten Tag zu mir kam. Es war kühl, und es regnete, aber sie sagte: ,Befehl ist Befehl‘, und lachte nur, als ich mich entschuldigte“, (S. 64). Es entsteht eine Art Rollenspiel zwischen den beiden, in denen er das Geschehen lenkt. Auch der Entschluss, zusammenzuziehen, stammt aus der Geschichte, in welcher der Erzähler Agnes fragt, ob sie bei ihm einziehen wolle, und sie in Wirklichkeit antwortet: „,Ja. Ist es gut so? Bist du zufrieden?‘ Sie lachte wieder und sagte: ,Zeig, wie es weitergeht.‘“, (S. 66).

Die Realität macht dem Erzähler einen Strich durch die Rechnung, als Agnes schwanger wird. Er kann das zunächst nicht akzeptieren: „Agnes wird nicht schwanger“, (S. 89). Für den Schriftsteller, dessen Traumfrau keine Kinder bekommt, weil er keine will, ist die echte Agnes nun nichts mehr wert. Er beginnt eine Affäre mit Louise (S. 98). Allerdings schreibt er auch an seiner Geschichte weiter und lässt das Kind ein Teil der Geschichte werden. Als er zu Agnes zurückkehrt, weil er hört, dass es ihr schlecht gehe, hatte sie eine Fehlgeburt (S. 111). Die beiden kommen wieder zusammen.

Der Erzähler versucht, Agnes zu helfen, die nun das Kind in der Geschichte als eine Art Ersatz ansieht. Sie geht sogar für das fiktive Kind einen Teddy kaufen – hier haben wir die wahrscheinlich deutlichste Überschneidung von Realität und Fiktion im ganzen Roman (S. 117), die unheimlich bedrückend wirkt. Doch diese Illusion kann Agnes nur sehr kurz trösten. Sie wird sich schnell bewusst, dass sie sich selbst etwas vorlügt, und kommt wieder auf den Boden der Realität zurück (S. 118). Sie versucht dann auch aktiv, ihrer imaginärer Welt zu entfliehen, und wirft die gekauften Spielsachen in den Müllschlucker (S. 119). Sie zieht wieder das blaue Kleid an und versucht dadurch, die fiktive Geschichte zurückzuspulen. Doch ihre Psyche verkraftet die Belastung der Fehlgeburt nicht.

Der Erzähler entwirft verschiedene Versionen für ein Ende der Story. Er hat durch seine Geschichte die Kontrolle über Agnes gewonnen: „Ich mußte (sic) endlich ein Ende finden für Agnes, einen guten Schluß (sic)“,(S. 133). Er bemüht sich um ein Happy End, doch weder er noch Agnes sind damit zufrieden (S. 136 f.). Eine andere Version, die dem Erzähler einfällt und die er wie im Rausch schreibt, enthält jedoch kein gutes Ende für „Agnes“ – sie stirbt den freiwilligen Kältetod. Er traut sich nicht, das Ende seiner geschwächten Freundin zu zeigen, doch sie findet es auf dem Computer und setzt die Handlung – höchstwahrscheinlich – in die Realität um: Sie begeht Selbstmord. Nun erklärt sich, was man am Anfang des Romans erfährt: „Agnes ist tot. Eine Geschichte hat sie getötet“, (S. 9). Es wird also dargestellt, welche Macht Worte und Fiktion auf Menschen ausüben können.

Agnes wird zum Opfer der Fiktion und damit des Erzählers. Denn sie schreibt ihm eindeutig die Rolle desjenigen zu, der die Fantasiewelt erschafft, während sie die Realität dokumentiert: „Du schreibst, und ich filme“, (S. 70). Den Erzähler trifft eine Mitschuld daran, was sie tut, weil Agnes ihn im Prinzip davor gewarnt hat, welch starke Auswirkung die Fiktion auf sie haben kann. Sie erzählt davon, wie sie, wenn sie ein Buch lese, sich so sehr mit den Figuren darin identifiziere, dass sie sich selbst als eine der Figuren ansehe: „Ich frage mich manchmal, ob die Schriftsteller wissen, was sie tun, was sie mit uns anstellen“, (S. 120).

Agnes‘ Sinnsuche

Agnes ist eine sehr nachdenkliche Person. Sie ist von Beruf Physikerin, und es ist ihre Aufgabe, die Anordnung der Atome in Kristallgittern zu erforschen (S. 44) – sie untersucht also Elemente im kleinstmöglichen Detail. Hier, im tiefsten Innern, sagt sie, finde man in fast allem Symmetrie. Und: „Asymmetrien haben immer einen Grund und eine Wirkung“, (S. 45). Dieser Gedanke ist für Agnes beruhigend, die sich ansonsten schwer damit tut, einen Sinn im Leben zu finden.

Agnes ist nicht religiös (S. 27) und glaubt auch nicht an eine Form des Weiterlebens nach dem Tod: „Ich fürchte mich nicht vor dem Sterben. Ich habe Angst vor dem Tod – einfach, weil dann alles zu Ende ist“, (S. 24). Die Überzeugung davon, dass einem nach dem Tode nichts bleibt, lässt Agnes am Sinn des Lebens zweifeln. Um dem völligen Verschwinden nach dem Ableben vorzubeugen, will Agnes im Leben Spuren hinterlassen. Sie freut sich darauf, dass ihre Doktorarbeit bald veröffentlicht wird, sodass ihr Name für immer auf einem Werk, das in der Bibliothek zu finden ist, zu lesen sein wird (S. 31). Ebenso hat die Idee, dass ihr Freund eine Geschichte über sie schreiben soll, mit dem Wunsch zu tun, sich zu verewigen: „Es wäre wie ein Porträt“, (S. 48).

Auch das Kind, mit dem Agnes schwanger war, wäre etwas gewesen, das nach Agnes‘ Tod in der Welt geblieben wäre. Doch diese Möglichkeit wird ihr, zumindest in dieser Schwangerschaft, mit der Fehlgeburt genommen. Dass Agnes die Fehlgeburt nicht verkraftet, kann auch daran liegen, welche Bedeutung sie ihr zuschreibt. „Ein Kind ist in mir gestorben. […] Weißt du, was das heißt?“, (S. 131), fragt sie ihren Freund, dem es nie gelingt, ihre Gedanken bezüglich Tod und Verlust völlig nachzuvollziehen.

Als Agnes zusammen mit dem Erzähler ins Kunstinstitut geht, betrachten sie beide ein Bild von Seurat: „Un Dimanche d‘été à l‘Ile de la Grande Jatte“, das zum Stil des Pointilismus gehört (Das Bild besteht aus vielen einzelnen farbigen Punkten). Agnes schließt daraus, dass man Glück mit Punkten gestalte, und erst, wenn man das große Ganze aus der Ferne betrachte, das Glück erkennbar werde. Die beiden Protagonisten tun sich schwer damit, das eigene Leben mit diesem Abstand zu betrachten, und dadurch nicht nur Glück, sondern einen Sinn in ihrem Leben zu erkennen und zu finden.

 

Rolle und Identität

Die Identität bezeichnet die einzigartige Kombination von persönlichen, unverwechselbaren Daten, Eigenschaften und Charakterzügen, durch welche das Individuum gekennzeichnet ist und von anderen Personen unterschieden werden kann. Die Identität des einzelnen Menschen ist seine besondere Persönlichkeitsstruktur, die mit dem Bild, das die anderen von einem haben, verbunden ist.

Hiermit kann man unterscheiden zwischen Identität und sozialer Funktion und Rolle, wobei sicherlich bei allen Menschen zeitweise eine gewisse Differenz zwischen Rolle und wahrer Identität entsteht. Unsere Rolle ist das, was wir nach außen hin zeigen. Für die Figuren Agnes und Louise klafft eine solche Lücke zwischen ihrem wirklichen Ich und ihrer Rolle, dass es für beide zum Problem wird.

Louise spielt die Rolle einer emotional abgebrühten Geliebten, die kein Interesse an einer festen Partnerschaft hat. Erst gegen Ende der Handlung gibt sie ihrem Geliebtem, dem Icherzähler, ihre wahre Identität zu erkennen: Sie wünscht sich im Grunde eine feste Beziehung zu ihm. Doch er will ihr diesen Wunsch nicht erfüllen, denn sein Herz gehört Agnes. Louise macht einen verbitterten Abgang (S. 146 f.).

Die wahre Identität von Agnes lernt der Leser nie richtig kennen, denn der Erzähler beschreibt sie nur aus seiner Perspektive. Er erwähnt z. B. einmal, dass sie auf der Beerdigung der toten Frau gewesen sei, die er  bei ihrem ersten Date gefunden hat (S. 56 f.). Doch, welche Emotionen Agnes damit verbunden hat oder ihre Beweggründe, erfahren wir nicht. In der Geschichte, die der Erzähler über Agnes schreibt, erschafft er seine eigene Traumfrau: „Jetzt war Agnes mein Geschöpf“, (S. 61). Agnes passt sich den Vorgaben aus der Geschichte an, indem sie z. B. anzieht, was der Erzähler vorgibt. Es ist, als übernehme die erdachte Agnes die echte, als werde das Alter Ego zur wirklichen Agnes.

Agnes hat allen Grund dazu, sich von der Geschichte verunsichern zu lassen: „[…] unser gleichmäßiges Leben eignete sich nicht dazu, beschrieben zu werden. „,Es muss etwas passieren, damit die Geschichte interessanter wird‘, sagte ich endlich zu Agnes. ,Bist du nicht glücklich, so wie wir es haben?‘ ,Doch‘, sagte ich, ,aber Glück macht keine guten Geschichten‘“, (S. 68). Agnes muss erkennen, dass das einfache Glück, welches sie dem Erzähler geben kann, ihm nicht auf allen Ebenen ausreicht.

Besonders nachdem ihre Schwangerschaft in einer Fehlgeburt geendet ist, scheint es, als sei von der echten Agnes nicht mehr viel übrig. Das Kind wäre etwas gewesen, das Agnes selbst gewollt hat – unabhängig davon, was der Erzähler davon hielt. Hier blitzt Agnes‘ Identität einmal auf. Doch nach der Fehlgeburt kann Agnes nicht mehr zu sich zurückfinden. Sie gibt sich völlig auf und passt sich den Bedürfnissen ihres Freundes an. Sie sagt ihm, dass es sie überhaupt nicht störe, wenn er Silvester mit seiner Affäre verbringe, ...

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