Hauptmotive

Kälte

In diesem Roman wird sehr oft das Klima beschrieben, und häufig ist es kühl oder kalt. Dies ergibt zunächst einmal Sinn, weil der Handlungsort die windige Stadt Chicago ist: „Es war kalt, als wir uns kennenlernten. Kalt wie fast immer in dieser Stadt. Aber jetzt ist es kälter, und es schneit“, (S. 9). Doch das natürliche Klima ist nicht der einzige Grund, warum die Kälte so häufig in diesem Roman auftaucht. Sie wird auch benutzt, um eine gewisse Zerbrechlichkeit der Titelheldin darzustellen und um emotionale Distanz zu symbolisieren.

Agnes friert schnell. Über den Campingausflug berichtet der Erzähler: „Obwohl wir dicht beim Feuer saßen, fror Agnes“, (S. 73). Auch in seiner Geschichte über sie stellt der Erzähler Agnes als eine eher dünnhäutige Person dar: „Agnes fror, obwohl sie ihren dicken Wintermantel trug“, (S. 151). Agnes wirkt unter anderem deshalb sehr klein und zerbrechlich, so, als müsse man sie wärmen und vor der Kälte schützen. Sie selbst allerdings sieht in der Kälte eher einen Segen: „Es heißt, zu erfrieren sei ein schöner Tod“, (S. 78). Hier zeigt sich, wie Agnes manchmal eine gewisse Anziehungskraft im Tod findet.

Agnes „erfriert“ – zumindest symbolisch betrachtet – wirklich. Die Beziehung zwischen ihr und dem Erzähler geht durch verschiedene Phasen, und die Wetterverhältnisse passen metaphorisch zu diesen unterschiedlichen Abschnitten. „Es war lange regnerisch gewesen, als Anfang September ein kühler, aber trockener Wind von Norden her über den See wehte und die Wolken vertrieb“, (S. 57). Hier ist es ein kühler Wind, der die Klimaveränderung mit sich bringt, während auch die Beziehung in eine neue Phase tritt: Nachdem Agnes dem Erzähler bei einem Ausflug äußerlich fremd vorkommt, er sie also in einem „anderen Licht“ sieht und neue Seiten an ihr erkennt (S. 57-59), gesteht er ihr zum ersten Mal seine Liebe (S. 59). In der nächsten Zeit fühlt er so stark ihr gegenüber, dass er es als eine Art Sucht beschreibt (S. 61).

Die Kälte hat auch symbolische Bedeutung, wenn Agnes und ihr Freund, der Erzähler, nicht unter ihr leiden – nämlich in Phasen von Nähe und Verliebtheit. Bei dem idyllischen Campingausflug in der Wildnis beschreibt der Erzähler die Situation an einem schönen Morgen wie folgt: „Es war kalt im Zelt, und unser Atem dampfte, aber wir froren nicht“, (S. 75). Die körperliche Nähe zwischen den beiden gleicht hier die klimatischen Umstände aus.

Auch der Anfang des Oktobers, des letzten Monats, in welchem die Beziehung noch gut verläuft, ist nicht kalt, entgegen den Erwartungen der Protagonisten: „Einige Tage lang hatte es geregnet, und wir glaubten schon, der Winter sei nun endgültig gekommen, als es noch einmal warm wurde. Es roch nach Sommer, und die Stadt lag in goldenem Licht“, (S. 79). In dieser Phase plant der Erzähler zunächst noch gedanklich die Zukunft mit Agnes und macht ihr in seiner Geschichte über sie einen Heiratsantrag.

Als dann Agnes zu Halloween ihre Schwangerschaft offenbart, reagiert der Erzähler sehr ablehnend auf den Gedanken an ein Kind. Die Beziehung geht in die Brüche. Passend dazu ist es Ende Oktober kalt draußen (S. 84), und wenig später wird es noch schlimmer: „Der November war kalt und regnerisch“, (S. 96). Hier sind der Erzähler und Agnes getrennt, es herrscht auch eine emotionale Kälte. Er spürt ihr noch eine Weile nach, doch dann beginnt er eine Affäre mit Louise (S. 96-99), zu der er aber nie solch starke Gefühle entwickelt wie die, die er für Agnes hat.

Der Abschluss der Geschichte, die der Erzähler für Agnes schreibt, ist dann geradezu überladen mit dem Kältemotiv: „Agnes fror, obwohl sie ihren dicken Wintermantel trug, aber selbst das Frieren schien weit weg zu sein, es war, als stelle sie die Kälte nur fest, ohne sie zu fühlen. […] Der Wind blies böig. […] Die Bäume hatten ihre Blätter verloren, und der See war zugefroren. […] Agnes […] zog ihre Handschuhe aus und fuhr mit den Händen über die eiskalten Stämme der Bäume. Sie fühlte nicht die Kälte, aber sie spürte die schorfige Rinde an ihren fast tauben Fingerkuppen“, (S. 151 f.).

Die Geschichte endet damit, dass Agnes sich in den Schnee legt und dort verglüht – der Kältetod, von dem sie einst sagte, er sei ein schöner Tod, wird hier realisiert. Agnes liest die Geschichte und verschwindet. Der Erzähler meint, sie sei tot, seine Deutung ist also, dass sie tatsächlich Selbstmord begangen hat. Das ist eine mögliche Interpretation: Die emotionale Kälte, die Trauer um ihr Kind, das sie durch die Fehlgeburt verloren hat, und die zerbrechende Beziehung könnten sie so mitgenommen haben, dass sie schließlich ihr Leben beendet. Doch es ist auch möglich, das Verglühen im Schnee symbolisch so zu deuten, dass Agnes zu neuer Kraft findet, die Kälte, die sie auffrisst, überwindet und einen Neuanfang macht – weswegen sie den Erzähler für immer verlässt.

Krankheit und Tod

Agnes wird gegen Ende des Romanes krank. Sie erkältet sich kurz nach Weihnachten stark (S. 130) und muss über Silvester Bettruhe halten (S. 142). In dieser letzten Phase der Beziehung pflegt der Erzähler sie zunächst noch (S. 131 ff.), doch er hält es nicht lange aus und geht dann am Silvesterabend auf die Party seiner Geliebten (S. 141).

Diese Krankheit spiegelt Agnes‘ immer schlimmer werdenden Zustand wider, in welchem sie es nicht schafft, die Fehlgeburt zu verkraften. Schließlich endet ihre Geschichte, möglicherweise mit ihrem Tod – denn, wie der Leser bereits am Anfang erfährt, ist Agnes am Ende „tot“ (S. 9). Doch nicht nur die Krankheit deutet darauf hin, dass dieses Ende der Protagonistin bevorsteht. Durch den gesamten Roman zieht sich das Todesmotiv. Es wird von Personen erzählt, die gestorben sind, wie Agnes‘ Nachbarstochter, die als Kind einen Unfall gehabt hat: „Ich war nicht froh, daß (sic) Jennifer gestorben war, aber ich war auch nicht traurig “, (S. 33).

Als der Erzähler und Agnes ihr erstes Date haben, findet der Erzähler eine Tote vor dem Restaurant, in welches sie gehen wollen. Das wirkt wie ein böses Zeichen, denn es handelt sich um eine junge Frau in Agnes‘ Alter: „Als ich am vereinbarten Abend zum Restaurant kam, lag davor auf dem Gehsteig eine Frau. […] Von der nächsten Straßenecke aus rief ich den Notfalldienst an. […]  ,Tot‘, sagte der Fahrer, ,die hat’s geschafft‘“, (S. 22 f.).

Infolge dieses Erlebnisses beginnen Agnes und der Erzähler damit, öfter über das Thema Tod zu sprechen, z. B. beim Essen, wo Agnes erklärt: „Ich fürchte mich nicht vor dem Sterben. Ich habe Angst vor dem Tod – einfach, weil dann alles zu Ende ist“, (S. 24). Auch am nächsten Tag, nachdem sie zum ersten Mal die Nacht gemeinsam verbracht haben, reden sie darüber: „Glaubst du an ein Leben nach dem Tod?“ „Nein“, sagte ich, „alles wäre irgendwie … sinnlos. Wenn es danach weiterginge“, (S. 26 f.).

Bei ihrem Ausflug in die Wildnis finden sie einige Ruinen vor, und wieder zeigt sich Agnes‘ Faszination für das Thema, als sie philosophiert: „Die Toten wissen nicht, daß (sic) das Dorf verlassen wurde“, (S. 77). Zu einem späteren Zeitpunkt in diesen Kurzferien kommt das Thema nochmals auf, und hier äußert Agnes den bereits erwähnten Satz: „Es heißt, zu erfrieren sei ein schöner Tod“, (S. 78). Auch den Erzähler scheint die häufige Thematisierung des Todes zu packen, denn ein Tagtraum, den er aufschreibt, endet folgendermaßen: „Ich preßte (sic) mein Ohr gegen das kalte Metall und hörte Agnes ganz nahe flüstern: ,Du bist tot‘“, (S. 81).

Weiterhin taucht das Todesmotiv in Form der Fehlgeburt auf: „Ein Kind ist in mir gestorben […]. Ich konnte ihm nicht helfen. Es ist in mir gewachsen, und es ist in mir gestorben. Weißt du, was das bedeutet?“, (S. 131). Sie verrät nicht, was es für sie bedeutet, doch sie schafft es jedenfalls nicht, diesen Verlust zu verkraften. Mit dem Gedicht „A Refusal to Mourn the Death, by Fire, of a Child in London“ (S. 130), in welches sie sich vertieft, wird auch ein dieses Thema betreffendes intertextuelles Element im Roman erkennbar.

Schließlich kann man den Schluss von Agnes‘ Geschichte, die der Erzähler schreibt, als Todesmetapher auffassen: „Es war, als würde sie eine andere Welt betreten“, (S.151). Die Protagonistin des Romanes lässt sich anscheinend durch die Geschichte zum Selbstmord inspirieren. Doch dies ist unsicher. Möglicherweise ist nur die Existenz der Romanfigur Agnes beendet, wenn der Roman zu Ende ist, denn: „Ich bin immer traurig, wenn ich ein Buch zu Ende gelesen habe“, sagte Agnes. „Es ist, als sei ich zu einer Person des Buches geworden. Und mit der Geschichte endet auch das Leben der Person“, (S. 120).

Bilder

In dem Roman „Agnes“ spielen Bilder eine wichtige Rolle. Sie treten unter anderem als intermediale Hinweise auf, so z. B. in Agnes‘ Wohnung: „An den Wänden des Zimmers hingen Drucke, eine Gebirgslandschaft...

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