Interpretation

„Agnes“ ist ein stimmungsvoller Roman, der heutzutage sehr viel Relevanz hat, durch die moderne Liebesgeschichte, die Selbstfindungsprozesse der Charaktere und die zeitlosen philosophischen Fragen über Leben und Tod sowie die Sinnfindung. Der tragische Verlauf zeigt dem Leser, wie wichtig es ist, eine Balance zwischen Selbstbewusstsein und Hingabe zu halten, wenn man Glück in der Liebe finden will, und welche Macht Worte auch in der heutigen Zeit noch haben können.

Diese Geschichte von Peter Stamm lässt viele Deutungen zu. In der Interpretation wird im Detail auf die wichtigsten Motive eingegangen, die im Roman immer wiederkehren, und ihre symbolischen Bedeutungen werden einfach erklärt. Auch die wichtigsten Themen, welche in „Agnes“ vorkommen, werden samt ihrer Interpretationsmöglichkeiten vorgestellt: Was sagt uns der Roman zum Thema Liebe und Schwangerschaft, Leben und Tod, zum Singledasein, zum Verhältnis zwischen Rolle und Identität und zum Sinn des Lebens? Und wie ist die Vermischung von Realität und Fiktion zu verstehen? Alle Aussagen sind mit vielen Textstellen belegt, bei denen auch genaue Seitenangaben nicht fehlen. So fällt die Arbeit mit diesem spannenden Roman um einiges leichter – und Deine eigenen Ideen für die Deutung werden ordentlich angeregt.

Auszug aus dem Text:

Licht und Dunkel

Im Großen und Ganzen ist die Sprache in „Agnes“ eher nüchtern, und der Erzähler verwendet nicht besonders viele Adjektive in seinen Beschreibungen. Was aber sehr häufig beschrieben wird, sind die Lichtverhältnisse. Den Motiven des Lichtes und der Dunkelheit kommen dabei auch symbolische Bedeutungen zu: „Ich habe das Licht gelöscht und schaue hinaus auf die beleuchteten Spitzen der Wolkenkratzer, auf die amerikanische Flagge, die der Wind irgendwo im Licht eines Scheinwerfers hin und her schlägt“, (S. 9). Dieser Satz stammt aus dem ersten Kapitel von „Agnes“. Hier wissen wir bereits, dass Agnes tot ist. Der Erzähler ist allein und sitzt im Dunkeln, und er befindet sich in einer Großstadt, die ihre Routine der Zivilisation weiterführt: „[…] die leeren Plätze, wo selbst jetzt, mitten in der Nacht, die Ampeln von Grün zu Rot und von Rot zu Grün wechseln, als sei nichts geschehen, als geschehe nichts“, (ebd.). Die Kälte und Leere spiegeln den Gemütszustand des Erzählers wider, dessen Geliebte Agnes von ihm gegangen ist.

Die in den weiteren Kapiteln dargestellten Lichtverhältnisse passen häufig zu den in den nächsten Kapiteln beschriebenen Phasen der Beziehung zwischen Agnes und dem Erzähler: „Wir hatten das Licht nicht gelöscht, und es brannte noch immer, als wir irgendwann später in der Nacht einschliefen. Ich erwachte, als es draußen schon langsam hell wurde. Das Licht war jetzt gelöscht […]“, (S. 26). Diese Situation ist zu lesen, nachdem Agnes und der Erzähler zum ersten Mal miteinander geschlafen haben. Hier ist es also durchgängig hell, sogar nachts brennt das Licht und wird vom Tageslicht abgelöst. Die positiven Gefühle, ausgelöst durch die Nähe und Intimität zwischen den beiden, werden in der durchgängigen Helligkeit widergespiegelt.

Einmal muss der Erzähler sich für fünf Tage von Agnes verabschieden, weil er nach New York reist. Er fährt im Zug und schaut nach draußen: „Draußen wurde es langsam dunkel. Die Landschaft, durch die wir fuhren, hatte etwas Ungefähres, Ungenaues“, (S. 34). Je weiter er sich geografisch von ihr entfernt, desto dunkler wird es, und der Erzähler sieht die Landschaft nicht klar. Eine mulmige Stimmung entsteht, wenn die beiden nicht zusammen sind.

Als der Erzähler Agnes besucht und sie ihm eine selbst geschriebene Geschichte zeigt, reagiert der Erzähler darauf sehr unsensibel, weil er neidisch auf ihr Talent ist (S. 42 f.) Der Abend gestaltet sich noch weitestgehend harmonisch, denn Agnes tritt einen Schritt zurück und löscht ihre Geschichte. Trotzdem liegt eine Spannung in der Luft. Es wird deutlich, dass es bestimmte Vorgänge gibt, die eine Gereiztheit zwischen den beiden auslösen können. Auch als Agnes von ihrer Arbeit als Physikerin erzählt, wird dies symbolisch ausgedrückt: Sie spricht von Asymmetrien und davon, dass diese immer eine Ursache hätten und Auswirkungen, so, wie die Asymmetrie zwischen Mann und Frau. Diese Szene schließt anders als die erste Situation, in der die beiden Sex haben: „Wir liebten uns, und dann war es draußen dunkel geworden“, (S. 45).

Agnes kommt bald darauf auf die Idee, dass der Erzähler eine Geschichte über sie schreiben sollte. Diese Geschichte bringt letztendlich Unheil über sie. Dies wird durch ein unheimliches Bild, in welchem wieder die Lichtverhältnisse eine Rolle spielen, angedeutet: „Als wir aufstanden und zurückgingen, hatte es schon zu dämmern begonnen. Die Wolkenkratzer der Innenstadt verschmolzen im Gegenlicht miteinander und wirkten wie ein einziges riesiges Gebäude, wie eine dunkle Burg“, (S. 48).

Die Beziehung erfährt einen Aufschwung, als Agnes und der Erzähler einen Ausflug in die Wildnis machen, wo sie campen. Zunächst allerdings hat Agnes einen Schwächeanfall, der vermutlich durch ihre noch unentdeckte Schwangerschaft hervorgerufen wird. Kurz vorher, am ersten Abend beim Camping, deutet sich an, dass bald etwas passieren wird, was der Beziehung schaden könnte: „Obwohl wir dicht beim Feuer saßen, fror Agnes. Sie hole ihren Schlafsack, sagte sie und ging zum Zelt. Sie wurde unsichtbar, sobald sie aus dem Lichtkreis des Feuers trat“, (S. 73). Sie wird unsichtbar – das könnte symbolisieren, dass sie aus dem Leben des Erzählers verschwindet. Dann passiert der Schwächeanfall, dessen Ursache der Grund dafür ist, dass die beiden sich bald trennen werden.

Doch von der Schwangerschaft wissen sie noch nichts, und der Schwächeanfall ist am nächsten Morgen wieder vergessen. Agnes fühlt sich sehr wohl in der Natur, und die beiden erleben ein paar schöne, romantische Tage, was auch wieder von entsprechenden Lichtverhältnissen begleitet wird: „Dann traf die Sonne das Zelt, und es wurde ganz hell darin und schnell wärmer“, (S. 75).

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