Madame Gaillard

Die gefühlskalte und emotionslose Ziehmutter

Der Erzähler berichtet, dass Madame Gaillard in einem Haus in der Rue de Charonne außerhalb der Stadt in der Nähe des Faubourg Saint-Antoine wohnt. Sie verdient ihren Lebensunterhalt damit, sich um „Kostkinder jeglichen Alters und jeglicher Art“ zu kümmern, „solange nur jemand dafür zahlte“ (S. 25). Obwohl sie noch keine 30 Jahre alt ist, hat sie „das Leben schon hinter sich“ und sieht „wie die Mumie eines Mädchens“ (S. 25) aus. Des Weiteren ist sie im Innersten bereits „längst tot“ (S. 25) und wird als eine „seelenarme Frau“ (S. 27) geschildert. 

Madame Gaillard ist eine konsequente und durch ihre schlimme Kindheit stark geprägte Frau. Damals wurde sie von ihrem Vater so heftig mit einem Feuerhaken geschlagen, dass sie ihren Geruchssinn verloren hat. Eine weitere Konsequenz der väterlichen Misshandlung ist, dass sie seitdem kaum noch Gefühle empfindet, weder positive noch negative Emotionen (S. 25). Auch ihr Mann, welcher bereits verstorben ist, hat sie geschlagen. 

Madame Gaillard hat einige Kinder geboren, von denen nicht alle überlebten. Auch dies nimmt sie anteilslos hin: „Sie empfand nichts, als sie später ein Mann beschlief, und ebenso nichts, als sie ihre Kinder gebar. Sie trauerte nicht über die, die ihr starben, und freute sich nicht an denen, die ihr blieben.“ (S. 26). Sie kann keine wirkliche Bindung zu anderen Menschen aufbauen, empfindet weder Mitleid für die Kinder, noch bemitleidet sie sich selbst und ihre Situation: „Zärtlichkeit war ihr mit diesem einen Schlag ebenso fremd geworden wie Abscheu, Freude so fremd wie Verzweiflung.“ (S. 25). 

Die herzlose Kinderbetreuerin besitzt einen ausgeprägten Sinn für Ordnung und Gerechtigkeit. Sie bevorzugt keines der zwei Dutzend Kinder, die ihr anvertraut sind, benachteiligt auch keines.  Ihre Aufgaben erledigt sie sehr gründlich. Sie ist sich ihrer Pflichten bewusst und erfüllt diese, soweit es von ihr erwartet wird. Bei ihr sterben nur drei oder vier Pensionäre in jedem Winter, womit sie ein besseres Ergebnis als der Durchschnitt der anderen Kinderheime erzielt. 

Die Ziehmutter kalkuliert alles genau und zeichnet sich durch ein hohes Sicherheitsbedürfnis aus: „Exakt die Hälfte des Kostgelds verwandte sie für die Zöglinge, exakt die Hälfte behielt sie für sich.“ (S. 26). Sie tut allerdings nichts, was darüber hinausgeht und wofür sie nicht bezahlt wird. Sie spart, um ihre Rente z...

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