Das originale Nibelungenlied

Die Nibelungenstrophe

Das gesamte mittelhochdeutsche Epos, das um 1200 verfasst wurde, besteht etwa — je nach Fassung — aus 2400 Strophen, die wegen ihrer Eigenheiten und Einzigartigkeit in der Literaturwissenschaft als Nibelungenstrophen bezeichnet werden. 

Die metrische Einheit des Liedes ist eine aus vier paargereimten Langzeilen gebildete Strophe. Zur Veranschaulichung werden hier die ersten beiden Strophen nebeneinander im mittelhochdeutschen Original (Handschrift C) und in ihrer neuhochdeutschen Übersetzung von Felix Genzmer präsentiert:

Jede der Strophen im Nibelungenlied besteht aus vier sogenannten Langzeilen. Diese sind wiederum in jeweils zwei Kurzzeilen untergliedert, von denen jeweils die erste als Anvers und die jeweils zweite als Abvers bezeichnet werden. Zwischen An- und Abvers befindet sich eine deutlich spürbare Zäsur, die durch mehrere Leerzeichen markiert wird. Die Abverse reimen sich immer paarweise. Eine Besonderheit der Einleitungsstrophe, die vermutlich von einem anderen Dichter nachträglich hinzugefügt worden ist und die nur in der Handschrift C verzeichnet ist, besteht darin, dass sich auch die Anverse paarweise reimen.

Die Anverse haben vier Hebungen, deren letzte Hebung gewöhnlich auf eine nebentonige Silbe fällt (máe-/rèn), man spricht dann von einer klingenden Kadenz. Die drei ersten Abverse haben drei Hebungen. Das wichtigste metrische Merkmal der Nibelungenstrophen ist die Betonung des Strophenschlusses durch die Vierhebigkeit im letzten Abvers. Die Abverse enden für gewöhnlich mit einer vollen Kadenz, d. h. die letzte Hebung fällt auf eine betonte Silbe (víl ge-/séit). Jeder Vers kann optional einen ein- oder mehrsilbigen Auftakt haben, i. e. die Versgegend vor der ersten Hebung (uns/íst in).

Die Nibelungensage ist lange Zeit mündlich überliefert worden. Ob es sich bei der metrischen Form im Nibelungenlied um eine Merkform handelt, durch die sie ein Erzähler oder Barde besser im Gedächtnis behalten konnte, oder ob es sich dabei um ein bewusst eingesetztes Stilmittel handelt, ist umstritten, denn über die Überlieferungstradition zwischen dem historischen Kern der Sage und ihrer Verschriftlichung ca. 700 Jahre später ist uns nichts bekannt (siehe dazu Epoche / Das Nibelungenlied/ Entstehung). 

Das Lied

Das Nibelungenlied heißt deshalb Lied, weil es in „sangbaren“ Strophen verfasst worden ist. Die Melodie der Nibelungenstrophe ist aber nicht überliefert worden und bleibt unbekannt. Mehrere Versuche sind bereits unternommen worden, diese durch ähnlich geartete spätmittelalterliche Schriften zu rekonstruieren.

Die Längen und Kürzen sind im Mittelhochdeutschen viel ausgeprägter gewesen als in unserer modernen deutschen Sprache. Deshalb lohnt es sich, die Nibelungenstrophe, die ohnehin aus der Lyrik übernommen worden ist, nicht nur in Hebungen und Senkungen, sondern auch in Analogie zur Musik in Längen und Kürzen zu betrachten. Dazu eignet sich ein 2/4-Takt mit je vier Takten pro Kurzvers. Durch Halbe-, Viertel- und Achtelnoten sowie Pausen lässt sich der Rhythmus des Nibelungenliedes z. B. auch folgendermaßen entschlüsseln:

Musikalisch betrachtet, ergibt sich ein kohärentes Bild der Nibelungenstrophe, der letzte Abvers fügt sich somit in das viertaktige Versschema ein.

Das Befüllen der Takte (und Auftakte) mit langen und kurzen Silben ist in der Nibelungenstrophe nicht streng festgelegt, was zu einer Variation der metrischen Gestalt jeder Strophe führt. Dadurch wird jede Strophe zu einem einzigartigen Gebilde, was der Eintönigkeit einer Rezitation selbst über 2400 Strophen hinweg vorbeugt. Die Andersartigkeit des letzten Abverses vom Rest einer Strophe verfolgt das Ziel, dem Zuhörer oder Leser zu verdeutlichen, dass hier das Ende einer Strophe erreicht worden ist.

Aufbau

Die einzelnen Handlungsabschnitte des Nibelungenliedes sind in 39 kapitelartige Abschnitte unterschiedlicher Länge, in sogenannte Âventiuren, eingeteilt. Der Begriff „Âventiure“ (sprich: aventüre) hat ursprünglich die Bedeutung „Zufall“ oder „Schicksal“ und stammt vom lateinischen Wort adventura („das, was geschehen wird“). Im Laufe der Zeit hat sich daraus unser neuhochdeutsches Wort „Abenteuer“ entwickelt. Die Betitelung dieser Kapitel geht aber nicht auf den ursprünglichen anonymen Verfasser zurück, denn jede Handschrift benennt diese Âventiuren anders, während die vermutlich älteste Handschrift B sogar gänzlich auf Überschriften verzichtet und nur durch Absätze und andere typografische Formatierungen gegliedert ist. Das Epos ist in zwei große Teile unterteilt. Felix Genzmer nennt den ersten Teil in seiner Übersetzung „Sigfrids Tod“, den zweiten Teil „Der Nibelungen Not“.

Der erste Teil (Âventiure 1–19) erzählt von Siegfrieds Jugend und seiner Liebe zu der schönen Prinzessin Kriemhild, als er in Worms an...

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