Analyse und Interpretation

Der Anfang

Die Kurzgeschichte beginnt mit einer Beschreibung der Umgebung. Diese wenigen Zeilen zeichnen sich durch eine komplexe, bildhafte Sprache aus. Sie enthalten gleich mehrere Personifizierungen und Symbole. „Das hohle Fenster in der vereinsamten Mauer gähnte blaurot voll früher Abendsonne“ lautet der erste Satz. Das gähnende Fenster und die vereinsamte Mauer sind Personifizierungen, da hier Objekten menschliche Handlungen zugeschrieben werden. 

Die Formulierung „hohles Fenster“ sowie eine farbliche Beschreibung des Gähnens sind unüblich. Was ist hiermit also gemeint? Es wird ein zerbombtes Gebäude geschildert, von dem nur eine Mauer übrig geblieben ist. In dieser Mauer befindet sich ein leerer Fensterrahmen, der einen Blick auf den Himmel bei untergehender Sonne eröffnet. Hinzu kommt der Staub, der zwischen den übrig gebliebenen, hochragenden Schornsteinen in dem Licht der untergehenden Sonne „flimmert“. Dieser Staub liegt wie ein Schleier über der zerbombten Stadt, so wie die Erinnerung an die vergangenen Ereignisse. Er macht die Allgegenwärtigkeit des vergangenen Krieges deutlich. 

Der dritte Satz – „Die Schuttwüste döste“ – ist ebenfalls eine Personifikation und bezeichnet die abendliche Ruhe der Trümmerlandschaft. Das Nomen „Schuttwüste“ an sich ist eine Metapher. Es handelt sich bei der Landschaft nicht um eine wüstenähnliche Umgebung. Der Begriff „Wüste“ steht vielmehr für den Mangel, denn in einer Wüste findet sich nichts als Sand. In der zerbombten deutschen Stadt fand sich dementsprechend nichts als Trümmer, der Mangel prägte das Leben der Menschen, es fehlte an allem. 

Gleich zu Beginn der Geschichte entwickelt sich durch diese drei Sätze eine bedrückende Stimmung. Es wird eine staubige Trümmerlandschaft im Sonnenuntergang geschildert. Die Häuser, die einst belebt gewesen sind, in deren Fenstern man Gardinen, Blumen und Menschen sah, deren Schornsteine rauchten, sind nun zu vereinsamten Mauern mit hohlen Fenstern geworden. Dabei tragen die Adjektive eine noch tiefere Bedeutung in sich. Das Adjektiv „hohl“ steht für eine Leere und verweist damit auf den Werte- und Existenzverlust der Menschen. 

Auch die Einsamkeit ist ein Problem, denn jeder muss sehen, wo er bleibt. Viele Männer sind gefallen, die Frauen auf sich allein gestellt. Der Protagonist Jürgen ist zunächst trotz seines Kindesalters mit seinen Problemen allein, wie noch zu zeigen sein wird. Das Gähnen und Dösen beschreiben eine Trägheit, eine Art Schockstarre, in der sich die Menschen befinden. Auch das Nomen „Wüste“ verweist darauf. Der „Staub“ steht für das graue, dreckige, triste Stimmungsbild. 

Die Farben Blau und Rot werden hier vereint. Es gibt verschiedene Deutungen dieser Farbkombination. Hier passt es besonders gut, Rot als die Farbe des Lebens und Blau als die Farbe der himmlischen Weite, der Endlichkeit, zu interpretieren. Damit stehen sich Leben und Tod gegenüber: Der Tod ist in den Trümmern der Städte immer noch allgegenwärtig, doch macht sich auch ein Aufbruch in die Zukunft bereit, das Leben geht weiter. Alles in allem wird ein sehr negatives Ausgangsbild gezeichnet, nur das Rot der Abendsonne birgt einen Funken Hoffnung in sich. 

Die Begegnung

Der Leser steigt mitten in das Geschehen ein: „Er hatte die Augen zu. Mit einmal wurde es noch dunkler.“ Dabei ist völlig unklar, wer mit dem Personalpronomen „Er“ gemeint ist und in welcher Situation die Person sich befindet. Anschließend merkt der unbekannte Protagonist, dass ihm jemand das Licht der untergehenden Sonne versperrt. Die Wiederholung des Adjektivs „dunkel“ sowie das Adjektiv „leise“ untermauern das in den ersten Sätzen geschaffene Bild einer tristen, verschlafenen Abendlandschaft. 

Der erste Gedanke des Protagonisten ist dabei „Jetzt haben sie mich!“. Die Person hat folglich Angst vor einer Personengruppe, eine weitere Erläuterung wird nicht gegeben. Es könnte sich um andere Kinder und Jugendliche handeln, vor denen sich Jürgen fürchtet, oder aber auch um die Militärkräfte der Alliierten, die in deutschen Städten der Nachkriegszeit für Ordnung sorgen wollten. 

Warum Jürgen Angst hat, ist unklar, auch weiß der Leser zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass es sich bei dem Personalpronomen „Er“ um einen Jungen handelt, doch die Angst als Grundstimmung wird in dieser Aussage deutlich. Mit Blinzeln versucht der Protagonist, sich ein Bild von seinem Gegenüber zu machen...

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