Rezension

Ein Experiment gerät außer Kontrolle

Die Welle (Originaltitel: The Wave) ist ein US-amerikanischer Roman von Morton Rhue aus dem Jahr 1981. Die Handlung ist in 17 Kapitel unterteilt und spielt in der Gordon High School in einer amerikanischen Kleinstadt. Der Roman basiert zum großen Teil auf dem Experiment „The Third Wave“, das 1967 an einer High School in Palo Alto von dem Lehrer Ron Jones durchgeführt wurde.

Der Geschichtslehrer Ben Ross ist gerade dabei, in seinem Unterricht mit seinen Schülern das Dritte Reich zu behandeln. Nach der Vorführung eines Videos über den Holocaust herrscht in seiner Klasse großes Unverständnis dahin gehend, wie sich eine Staatsmacht, wie das NS-Regime, überhaupt etablieren konnte. Ebenso sind die Schüler darüber verwundert und entsetzt, dass die Manipulation der deutschen Bevölkerung so einfach möglich war. Die Jugendlichen sind sich vollkommen sicher, dass eine derartige Beeinflussung kein zweites Mal denkbar sei. Auch Ben Ross gerät ins Grübeln darüber, ob das Verhalten der Bevölkerung in Nazi-Deutschland tatsächlich so unerklärlich und einzigartig war. Er beschließt, mit seiner Klasse ein Experiment durchzuführen, und gründet eine totalitäre Gemeinschaft: die Welle.

Die Welle funktioniert im Einzelnen nach drei festen Prinzipien: Macht durch Disziplin, Macht durch Gemeinschaft und Macht durch Handeln. Dementsprechend bauen die Schüler ein starkes Gemeinschaftsgefühl auf und agieren gegen jeden, der sich gegen die Welle stellt. Eine klare Hierarchie sowie ein gut funktionierendes Überwachungssystem werden geschaffen. Ebenso wird die Klasse beständig dazu angehalten, neue Mitglieder zu rekrutieren. Es gibt Mitgliedskarten, einen Leitspruch, einen speziellen Gruß und sogar Wächter. Anders als beim nationalsozialistischen System, das sich der Lehrer zum „Vorbild“ nimmt, verfolgt die von Ben Ross initiierte Bewegung jedoch keine politischen Ziele.

Nach und nach nimmt das Experiment immer totalitärere Züge an. Die Bewegung wächst stetig und Ross ertappt seine Schützlinge dabei, wie sie blind funktionieren. Darüber hinaus wird die Mitgliedschaft in der Welle unhinterfragt zum regelrechten Zwang innerhalb der Schülerschaft. Erst nachdem ein Schüler angegriffen worden ist und Gewalt erfahren hat, beschließt der Geschichtslehrer, das Experiment Welle abzubrechen. Auf einer großen Versammlung präsentiert er den Mitgliedern ein Bild Adolf Hitlers und klagt sie an, dass sie alle gute Nazis gewesen seien. Unter den Jugendlichen machen sich große Ernüchterung und Unbehagen breit. Fast alle sind bestürzt darüber, wie gut das Experiment funktioniert hat, und wollen es so schnell wie möglich vergessen.

Der Roman von Morton Rhue besticht durch seinen einfachen flüssigen Schreibstil und liest sich fast wie von allein. Der Fokus richtet sich ganz klar auf den Handlungen der Protagonisten. Mithilfe ihrer modernen Darstellungsweise verdeutlicht Die Welle, wie einfach es sein kann, Menschen für eine Idee zu begeistern und sie zu manipulieren. Durch das Sicherheits- und Gemeinschaftsgefühl der Gruppe fühlt sich jeder noch so unbeliebte Außenseiter akzeptiert und als ein Teil des Ganzen. Mit erschreckender Eindringlichkeit zeigt Die Welle, wie leicht sich Menschen in den Sog einer Manipulation begeben können. Trotz des etwas abrupten Endes wird deutlich, dass von totalitären Vereinigungen immer eine starke Gefahr ausgeht. Das Buch vertritt folglich nicht nur einen moralischen, sondern auch einen pädagogischen Anspruch und ist aufgrund dessen uneingeschränkt empfehlenswert.