Momo

Das trostlose Leben von Moses

Der Hauptprotagonist und Ich-Erzähler, der jüdische Junge Moses, ist zu Beginn der Handlung erst elf Jahre alt und „dick wie ein Sack Zucker“ (S. 11). Kurz nach seiner Geburt ist er von seiner Mutter verlassen worden, die auch seinen älteren Bruder Popol mitgenommen hat, wie ihm von seinem Vater berichtet wird. Zu diesen beiden hat er seither keinerlei Kontakt.

Moses lebt mit seinem Vater, der als Rechtsanwalt arbeitet, in einer großen dunklen Wohnung in der Pariser Rue Bleue im 9. Arrondissement. Aufgrund der schwierigen finanziellen Situation des Vaters müssen die beiden mit wenig Geld auskommen und ein Teddybär und eine Muschel sind die wertvollsten Besitztümer des Jungen.

Trotz all seiner Bemühungen und seines Verständnisses für die Arbeitssituation seines Vaters erfährt Moses keine liebevolle Zuwendung von ihm. Als ihn dieser auch noch verdächtigt, ihm Geld zu stehlen, ist der Junge zutiefst verletzt: „Also nicht genug damit, in der Schule wie auch zu Hause angeschnauzt zu werden, zu waschen, zu büffeln, zu kochen, die Einkäufe zu schleppen, nicht genug damit, allein in einer großen Wohnung zu leben, dunkel, leer und ohne Liebe, mehr der Sklave als der Sohn eines Rechtsanwalts ohne Fälle und ohne Frau, wurde ich zudem auch noch verdächtigt, ein Dieb zu sein!“ (S. 10). Aufgrund dessen beginnt er nun tatsächlich damit, seinem Vater Geld zu stehlen, um ihn dafür zu bestrafen, dass er ihn verdächtigt (S. 15).

In nur vier Monaten kann er seinem Vater auf diese Weise zweihundert Francs unterschlagen, die er schließlich dafür nutzt, um zu den Prostituierten in der nahegelegenen Rue de Paradis zu gehen. Er versucht, ihre Dienste zu erkaufen, aber keine der Frauen glaubt ihm trotz seiner kräftigen Statur, dass er bereits sechzehn Jahre alt ist. Sie haben ihn zudem in den letzten Jahren heranwachsen sehen. Zuletzt willigt eine Frau in sein Angebot ein, die neu in der Straße ist, und Momo macht seine ersten sexuellen Erfahrungen.

Während des Liebesaktes liegt Momo „halb ohnmächtig“ (S. 12) da. Der erfolgreiche Besuch bei den Prosituierten hilft Moses bei seinem Bemühen, sein Selbstwertgefühl zu steigern. Er fühlt sich nun als „Mann, getauft zwischen den Schenkeln einer Frau“ (S. 12). So kann er sich selbst trotz der Herabwürdigung durch seinen Vater „beweisen“ (S. 23), dass er erwachsen ist.

Aus Moses wird Momo

Gleichzeitig mit seinem Aufbruch in das Erwachsenwerden tritt auch M. Ibrahim in Moses´ Leben. Der Kaufmann betreibt in der Rue Bleue, in der Moses wohnt, einen Gemischtwarenladen, in dem der Junge täglich einkauft. Somit kennen sich die beiden schon länger und M. Ibrahim hat ihn, wie die Prostituierten in der Rue de Paradis, aufwachsen sehen. Zudem fällt ihm Momo negativ dadurch auf, dass er ihm jeden zweiten Tag eine Dose mit Essen stiehlt. Da er jedoch den schwierigen familiären Kontext des Jungen kennt, lässt er ihn gewähren, und macht ihm den Diebstahl nie zum Vorwurf.

Doch erst mit der grundlegenden Veränderung seines Verhaltens nimmt Moses den alten Mann bewusst wahr. M. Ibrahim scheint seine Gedanken lesen zu können, denn als er sich wieder einmal einredet, dass er diesen bestehlen kann, da er „ja nur ein Araber“ (S. 15) ist, weist ihn der alte Mann freundlich darauf hin, dass er kein Araber ist, sondern vom „Goldenen Halbmond“ (S. 15) stammt. Damit weckt er die Neugierde des Jungen und es entwickelt sich im Laufe der nächsten Tage zwischen ihnen ein erstes Gespräch zu M. Ibrahims Herkunft (S. 16 ff.).

Kurz nach dem Beginn der Annäherung zwischen Moses und M. Ibrahim wird er von ihm in Momo umgetauft. Als Grund dafür nennt er ganz pragmatisch: „Ich weiß, daß du Moses heißt, eben deswegen nenne ich dich Momo, das klingt nicht so bedeutend.“ (S. 16). Mit dem Beginn der Freundschaft mit M. Ibrahim erkennt Momo immer deutlicher, wie schlecht ihn sein eigener Vater behandelt und wie belastet ihr Verhältnis ist.

Das schwierige Verhältnis zu seinem Vater

Da ihn seine Mutter verlassen hat und sein Vater ihm als mürrischer und hartherziger Mann gegenübertritt, verhält sich Momo auch anderen männlichen Erwachsenen gegenüber misstrauisch. Dies zeigt sich in seiner anfänglichen Abfälligkeit gegenüber M. Ibrahim, die durch die kulturellen Vorurteile noch verstärkt wird.

Ein gewisses Vertrauen hat er nur in die Prostituierten aus der Rue de Paradis, die er, seit er elf Jahre ist, regelmäßig besucht und die ihn haben aufwachsen sehen. Als er einen Taschendieb aufhält und einer der Frauen ihre Tasche zurückgeben kann, wird er endgültig von ihnen akzeptiert. Er schläft noch am selben Tag mit zweien von ihnen.

Durch diese heimlichen Erfahrungen außerhalb des Familienkreises wird aber das Leben mit seinem Vater „durch M. Ibrahim und die Dirnen noch schwieriger“ (S. 26). Der Adoleszent muss sein zweites Leben vor seinem Vater verbergen: „Mich aber mit einem arabischen Krämer zu unterhalten, auch wenn er kein Araber war […] und den Dirnen zu helfen, das waren Sachen, die ich in einem Geheimfach meines Kopfes versteckte, das gehörte nicht zu meinem offiziellen Leben.“ (S. 29). Das Leben in der dunklen und kalten Wohnung, in der die Fensterläden nicht geöffnet werden, damit das Licht den Einbänden der Bücher nicht schadet, erweist sich für ihn nun als noch einsamer und gefühlskälter (S. 26).

Der lächelnde Momo

Momo verhärtet im Laufe der Jahre durch die schlechte Beziehung zu seinem Vater emotional immer mehr. Von diesem übernimmt er zudem im Laufe der Zeit die Angewohnheit, allen Menschen mit Misstrauen und Missachtung zu begegnen: „Ic...

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