Ringparabel

Nathans Schachzug

Ebenso wie auch in Lessings „Nathan der Weise“, so findet sich in Presslers Roman die sogenannte Ringparabel, deren literarische Wurzeln bis ins 11. Jahrhundert zurückverfolgt werden können. Eine Parabel ist eine kurze Erzählung, die dem Leser eine Lehre vermitteln will. Dabei unterscheidet man zwischen der Bildebene (dem, was erzählt wird) und der Sachebene (dem, was vermittelt wird). Der Leser muss dazu in der Lage sein, die Bildebene abstrakt zu betrachten und daraus allgemeingültige Schlüsse zu ziehen (siehe Analyse: Bildebene und Sachebene).

Als Nathan vor den Sultan gerufen wird, glauben er und al-Hafi zuerst, dass er ihn um Geld bitten wird (S. 155). Stattdessen aber stellt er ihm die Frage, die ihm „in dieser Stadt das wichtigste zu sein scheint“ (S. 157). Er will von Nathan wissen, welche der drei Glaubensrichtungen Judentum, Christentum und Islam die richtige ist. Nathan erkennt die Gefahr der falschen Antwort sofort und entscheidet sich dafür, statt mit einer konkreten Antwort mit einer Parabel zu antworten, mit der sogenannten Ringparabel. Diese Reaktion auf die gefährliche Frage des Sultans vergleicht al-Hafi mit einem geschickten Schachzug (S. 158). Obwohl auch al-Hafi in das Gespräch mit einbezogen wird, hat er ein ungutes Gefühl (S. 160).

Die drei Ringe

Die Parabel handelt von einem Mann, der einen „Ring von unschätzbarem Wert“ (S. 160) besitzt. Dieser Ring hat eine geheime Macht: Wer ihn in dem Wissen trägt, dass er ihn vor Gott und den Menschen angenehm macht, dem wird dies auch widerfahren. Der Ring wurde über Generationen immer demjenigen Sohn überlassen, der dem Vater am liebsten war, und dieser Sohn wurde dann das Oberhaupt der Familie (S. 160). Nun aber gab es einen Vater, der drei Söhne hatte, die er alle in gleicher Weise liebte und denen er allen in seiner ...

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