Jugendroman und Identitätsfindung

Die drei Waisen

Unter einem Jugendroman versteht man eine fiktionale Erzählung, die gezielt für Jugendliche (12-18 Jahre) als Zielpublikum geschrieben und dementsprechend vermarktet wird. Eines der Hauptmerkmale ist, dass die Figur eines Jugendlichen den zentralen Platz in der Erzählung einnimmt.

In „Nathan und seine Kinder“ verkörpern Geschem, Recha und der Tempelritter drei junge Erwachsene. Dabei stehen im Roman mehrmals typische Probleme der Jugend  im Vordergrund, deren Lösung auch anderen Jugendlichen als Vorbild dienen kann.

Obwohl Fragen der Religion im Mittelpunkt der Erzählung „Nathan und seine Kinder“ stehen, so ist das Buch keineswegs ein religiöses Werk. Vielmehr geht es um die Identitätsfindung der drei Jugendlichen, die verschiedene Bereiche, wie Kultur, Familie und Religionszugehörigkeit, betrifft.

Die drei Jugendlichen verbindet vor allem die Tatsache, dass sie Waisenkinder sind. Sie kennen ihre leiblichen Eltern nicht bzw. können sich nicht mehr an sie erinnern. Geschem wurde schwer verletzt vor den Toren Jerusalems gefunden, Recha erhält Nathan von einem Klosterbruder, kurz nachdem er seine gesamte Familie bei einem Brand verloren hat, und die Eltern des  Tempelritters Curd von Stauffen sind verschollen.

Im Gegensatz zu Geschem glauben allerdings Recha und der Tempelritter lange Zeit, dass ihre Pflege- und Adoptiveltern ihre wahren Eltern sind. Als sie die Wahrheit erfahren, bricht für sie eine Welt zusammen und eine schwierige Identitätsfindung beginnt, die bei allen drei Personen unterschiedlich verläuft.

Geschems Identitätsfindung

Geschem, ein Junge, der kurz vor dem Eintritt in die Pubertät steht (S. 216), weiß, dass er nie erfahren wird, wer seine Eltern sind. Seine schweren Verletzungen deuten darauf hin, dass ihm und seiner Familie ein großes Unglück zugestoßen ist. Er weiß es sehr zu schätzen, dass Nathan ihn in sein Haus aufgenommen hat, und er versucht stets, ihm eine möglichst große Hilfe zu sein, um ihm etwas zurückgeben zu können.  Als Nathan Elijahu darum bittet, Geschem als seinen Schüler aufzunehmen und ihn wie einen Sohn zu behandeln, findet Geschem seinen Platz in einem kleinen Familienleben.

Die schwierigste Frage im Kontext der Geschichte und für Geschem ist, welcher Religion er angehört. Als er von den Kameltreibern nach seinem Namen gefragt wird, nennt er die arabische Version des Namens, den ihm Nathan kurz zuvor gegeben hat, und wird von ihnen deshalb argwöhnisch betrachtet, da er im Haus eines Juden wohnt: „Was hat ein muslimischer Junge im Haus eines Juden verloren?“ (S. 192). Für Geschem ist es schwieriger, zwei Namen zu haben, als gar keinen (S. 198), denn dies reflektiert, dass er seine ursprüngliche Herkunft nicht kennt.

Dieses Ereignis bedrückt ihn sehr in den folgenden Tagen. Als er von dem muslimischen Jungen Mussa durch Jericho geführt wird, „wusste [ich] gar nicht, ob es hier überhaupt Juden gab, und wieder zweifelte ich, wer ich war“ (S. 201). Auch wenn er sich gut mit seinem neuen Freund versteht, weiß er nicht „ob ich ein Fremder war, ob er ein Fremder war, ob ich nach Jericho gehörte oder ins jüdische Viertel von Jerusalem“ (S. 202).

Als Mussa in die Moschee geht, ist Geschem sehr traurig, obwohl er nicht weiß, ob er aus Trauer oder Sehnsucht weinen würde (S. 202). Am Ende des Tages aber hat er sich dazu entschieden, von nun an Geschem Ben Abraham zu sein und sich damit der jüdischen Kultur zugehörig zu fühlen (S. 202).

Rechas Identitätsfindung

Recha ist eine junge Frau, die sich im heiratsfähigen Alter befindet. Ihre Jugendfreundinnen sind bereits verheiratet und haben Kinder, doch Nathan drängt sie nicht dazu, sich einen Mann zu suchen. Eines Tages aber erfährt sie von Daja, dass Nathan nicht ihr leiblicher Vater ist (S. 205), sondern dass sie ein Findelkind ist, das Nathan von einem Klosterbruder übergeben wurde, nachdem er seine Familie verloren hatte.

Ebenso nimmt Recha zur Kenntnis, dass sie keine Jüdin, sondern eine Christin ist (S. 204). Diese Erkenntnis verändert „von einem Moment zum anderen“ ihr Leben (S. 203).

Zuerst glaubt Recha, dass sie mit diesem Wissen alles verloren hat, was sie besitzt. Ihr Zuhause ist für sie plötzlich „nicht mehr der Ort, auf den ich ein natürliches Anrecht hatte, der mit aufgrund meiner Geburt zustand“ (S. 206). Alles, woran sie bisher geglaubt hat, kommt ihr nun wie eine „Illusion [...] nichts anderes als eine Fata Morgana“ (S. 206) vor.

Im weiteren Verlauf des Tages läuft sie ziellos durch Jerusalem und erkennt zum ersten Mal, wie viele Kinder es dort gibt. Als sie zurückkehrt, spricht sie daher das erste Mal mit Geschem, der ihr von seiner eigenen Identitätskrise und -findung berichtet (S. 215-217). Danach scheint ihr Unglück nicht mehr so groß, wie es vorher war, und sie schöpft wieder Mut (S. 217).

Als sie schließlich ihren Vater darauf ansprechen kann, erklärt dieser ihr, wie sie damals zu ihm gekommen ist. Er gab ihr den Namen, den seine Frau immer einem Mädchen geben wollte, das sie sich so sehr gewünscht hat (S. 232). Für Nathan ist sie seine Tochter „vor Gott und der Welt“ (S. 232) und er verspricht ihr, dass sie immer seine Tochter bleiben wird: „Glaube mir, die Liebe ist ein starkes Band, manchmal noch stärker als Blut.“ (S. 232). Ebenso versichert er ihr, auf die Frage, wer sie denn sei, dass dies ihr niemand beantworten könne außer sie selbst: „Kein Vater kann seiner Tochter sagen, was für ein Mensch sie sein wird, selbst ein leibl...

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