Die Zeit-Spar-Kasse

Das Geheimnis der Zeit

In der Erzählung „Momo“ wird die Zeit nicht von der technischen Seite her betrachtet. Es geht dem Autor vor allem darum, dem Leser vor Augen zu führen, dass man nicht Zeit mit Kalendern und Uhren messen kann und die wenigsten Leute wirklich über die Zeit nachdenken (S. 61). Daher ist die Zeitmessung für den einzelnen Mensch trotz moderner Berechnungsmethoden immer noch ein „Geheimnis“ (S. 61). Dies wird den Menschen dann zum Beispiel bewusst, wenn jemand erlebt, dass eine Minute oder eine Stunde sich wie eine Ewigkeit hinziehen kann.

Wie bereits Albert Einstein erkannte und daraufhin seine berühmte Relativitätstheorie formulierte, ist die Zeit relativ. Von ihm stammt eine prägnante Aussage, welche die individuelle Zeitmessung anschaulich macht: „Wenn man zwei Stunden lang mit einem Mädchen zusammensitzt, meint man, es wäre eine Minute. Sitzt man jedoch eine Minute auf einem heißen Ofen, meint an, es wären zwei Stunden. Das ist Relativität“.

Michael Ende möchte den Leser darauf hinweisen, dass die Zeit für den einzelnen Mensch keine fixe Konstante ist: "Denn die wirkliche Zeit ist eben nicht nach der Uhr und dem Kalender zu messen" (S. 238); „Denn Zeit ist Leben“ (S. 61); „Und alle Zeit, die nicht mit dem Herzen wahrgenommen wird, ist so verloren wie die Farben des Regenbogens für einen Blinden oder das Lied eines Vogels für einen Tauben" (S. 176).

Der günstige Augenblick

Die grauen Herren bieten den Menschen an, Zeit zu sparen, die sie später wie von einem Sparbuch wieder abheben können. Niemand kennt „den Wert einer Stunde, einer Minute, ja einer einzigen Sekunde Leben“ (S. 61) so wie die grauen Herren. Diese möchten den Menschen die Zeit durch Betrug stehlen und haben dafür „weit gesteckte und sorgfältig vorbereitete Pläne“ (S. 61).

Die Agenten der Zeit-Spar-Kasse nutzen die Menschen dann aus, wenn sie dafür empfänglich sind. Dies wird bei einer Begegnung zwischen einem grauen Herrn und dem Friseur Fusi deutlich. In einem Moment, in dem der Friseur Fusi schlechte Laune hat, wünscht er sich ein besseres und luxuriöseres Leben mit mehr Bedeutung. Doch da er für dieses Leben keine Zeit hat, glaubt er: „Ich aber bleibe mein Leben lang ein Gefangener von Scherengeklapper, Geschwätz und Seifenschaum.“ (S. 63).

Dieser schwache Moment wird von den grauen Herren direkt ausgenutzt, die sofort in einem aschgrauen Auto vorfahren. Der Agent Nr. XYQ/384/b kommt in den Friseurladen und eröffnet Herrn Fusi, dass er ein Anwärter auf ein Konto bei der Zeit-Spar-Kasse ist (S. 64). Herr Fusi ist erstaunt, da er noch nie von dieser Kasse gehört hat.

Der graue Herr wiederholt genau die Worte, die Herr Fusi zuvor nur gedacht hat. Sie sind die Basis des folgenden Gespräches. Agent XYQ/384/b erklärt Herr Fusi, dass er keine Zeit hat, „das richtige Leben zu führen“ (S. 64), da er seine „Zeit auf ganz verantwortungslose Weise“ (S. 64) vergeudet.

Versprechende Berechnungen

Anhand der Lebenserwartung von Herr Fusi in Höhe von 70 Jahren errechnet der Agent die Sekunden, die dem Friseur bis zu seinem Lebensende voraussichtlich noch zur Verfügung stehen (S. 65). Diese Sekunden bezeichnet er als „das Vermögen“, das ihm „zur Verfügung steht“ (S. 65).

Davon zieht nun der graue Herr die Zeit ab, die Herr Fusi in Arbeit, Essen, Schlafen und die Pflege seiner alten Mutter investiert. Da die alte Frau taub ist und Herr Fusi sich trotzdem jeden Tag eine Stunde Zeit nimmt, um mit ihr zu sprechen, ist dies für den Agenten „hinausgeworfene Zeit“ (S. 67). Auch die Pflege seines Wellensittichs, der wöchentliche Kinobesuch, der Gesangverein, der Stammtisch, der Besuch von Freunden, das Sitzen am Fenster und die Lektüre von Büchern sind für den Agenten der Zeit-Spar-Kasse „nutzlose Dinge“ (S. 67).

Der graue Herr ist wohl informiert und kennt auch das Geheimnis von Herrn Fusi: Jeden Tag besucht er Fräulein Dari, die verkrüppelte Beine hat und an den Rollstuhl gefesselt ist. Er bringt ihr jeden Tag eine Blume, da sie sich sehr darüber freut. Doch auch das ist für den Agenten „verlorene Zeit“ (S. 68). Am Ende zählt er alles zusammen und macht Herrn Fusi deutlich, dass er in den letzten 42 Jahren seines Lebens all seine Zeit „ausgegeben“ hat. Hätte er vor zwanzig Jahren damit angefang...

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