Elegie

Eine Elegie bezeichnete in der Antike ganz allgemein eine Gedichtform in Distichen. Ein elegisches Distichon ist eine zweizeilige Strophenform, die sich aus einem Hexameter und einem Pentameter zusammensetzt. Das Grundversmaß des Distichons ist somit ein sechshebiger Daktylus.

Schiller verbildlichte diese Versform in seinem Gedicht „Das Distichon“:

Im Hexameter steigt des Springquells flüssige Säule,
    Im Pentameter drauf fällt sie melodisch herab.

Durch ihren musikalischen Charakter ähnelt die Elegie einer Ode oder Hymne. Die Gedichtform wurde im 7. Jahrhundert vor Christus in dem antiken Griechenland entwickelt. Elegien waren damals Loblieder auf den Wein, Kriegslieder, Liebeslieder und Totenklagen. In diesen äußerten die Dichter ihre subjektiven Gedanken zu verschiedenen Themen. Die Gesänge wurden üblicherweise von einem Flötenspiel begleitet. 

Die Bezeichnung „Elegie“ ist nicht gänzlich geklärt, vermutlich stammt sie von dem griechischen Wort „ἐλεγεία [élegeía ]“, das im heutigen Griechisch ebenfalls „Elegie“ oder „Redegewandtheit“  bedeutet. 

Im Laufe der Zeit verändern sich sowohl die Form als auch die Inhalte der Elegien. Die Loblieder auf den Wein oder die Kriegseinsätze sind zunehmend durch einen resignativen Grundton gekennzeichnet. Dieser Wandel vollzieht sich jedoch nur schleichend. So thematisieren die Elegien von berühmten Dichtern, wie Tibull, Properz und Ovid, im antiken Rom Erotik, Liebe und Idylle. Die römische Elegie richtet sich an einen elitären Leserkreis und hat nur eine kurze Blütezeit. 

Im 17. Jahrhundert verfasst man Elegien in Alexandrinern und verwendet den Kreuzreim. In Deutschland wird der Elegie erst im 18. Jahrhundert zur Zeit des Humanismus eine tragende Bedeutung beigemessen. Johann Wolfgang von Goethe knüpft mit seinen Römischen Elegien, die er nach seinem Aufenthalt in Italien um 1800 schreibt, an die römische Antike an und erweckt die vergessenen, lustvollen Gedichte in klassischen Distichen zum Leben. Neben Goethe und Schiller verfassen auch Johann Christian Friedrich Hölderlin und Gottlieb Klopstock elegische Gedichte.

Friedrich von Schiller lässt sich weniger von der Vergangenheit inspirieren. Er wendet sich in seinen Elegien dem Widerspruch zwischen dem Ideal und der Realität zu. Seine Elegien sind keine klassischen Klagelieder. Den Begriff „elegisch“ formuliert er wie folgt: 

Setzt der Dichter die Natur der Kunst und das Ideal der Wirklichkeit so entgegen, daß die Darstellung des ersten überwiegt und das Wohlgefallen an demselben herrschende Empfindung wird, so nenne ich ihn elegisch […]“.[1]

Bereits Schiller sah keine Notwendigkeit mehr, sich strikt an die Form der Distichen zu halten. Auch sind die Dichter der heutigen Zeit nicht mehr an die Verwendung von Distichen gebunden. Ein Beispiel dafür sind die Stadthallen-Elegien von Gottfried Benn. Dichter, wie zum Beispiel Bertold Brecht, Rainer Maria Rilke und Durs Grünbein, haben die lyrische Form der Elegien verwendet. Heute steht die Elegie allgemein für eine wehmütige, sehnsüchtig-klagende Gefühlslyrik.

[1] Schiller: Epoche, Werk, Wirkung, C.H. Beck, Michael Hofmann, S.123