Utopie und Dystopie

Utopie

Die ersten Utopien

Das Wort „Utopia“ wird erstmals 1516 im Titel der in lateinischer Sprache verfassten Erzählung De optimo rei publicae statu deque nova insula Utopia des humanistischen Autors der Renaissance, Thomas Morus, verwendet. Das Literaturgenre der Utopie wird später nach diesem Werk benannt.

In dieser Geschichte des englischen Staatsmanns, der sich von Platons Werken inspirieren ließ, gründen die Bewohner der fiktiven Insel Utopia, die Utopier, eine demokratische kommunistische Republik, eine Wohlstandsgesellschaft, in der Gleichheit und religiöse Toleranz herrschen sollen. Privateigentum existiert hier nicht und jeder Utopier erhält genau die Güter, die er für seinen persönlichen Bedarf benötigt und begehrt. Der Autor übt im ersten Teil seines Werks eine scharfe Kritik an den damaligen politischen und gesellschaftlichen Verhältnissen in England. 

Francis Bacons utopisches Fragment Nova Atlantis (1627) erscheint ein Jahrhundert später und ist viel konservativer ausgerichtet. Der englische Philosoph schildert eine neue Gesellschaft auf einer erfundenen Insel, eine wissenschaftlich beherrschte Welt, die wie das damalige England regiert wird. Fast zur gleichen Zeit verfasst der italienische Philosoph, Dominikaner, Dichter und Politiker Tommaso Campanella die politische Utopie Der Sonnenstaat (1623), welche die zeitgenössischen Verhältnisse in Bezug auf Glaubenskonflikte, Fürstenwillkür und Kleinstaatlichkeit kritisiert

Eine andere berühmte utopische Erzählung ist Jonathan Swifts Meisterwerk Gullivers Reisen (1726), das von den vier Schiffsreisen des Kapitäns Lemuel Gulliver berichtet, die ihn mit vier unterschiedlichen Gesellschaftsformen zusammenbringen. In seiner derben Satire prangert der irische Schriftsteller die damaligen gesellschaftlichen und politischen Missstände an. Weitere Utopien sind zum Beispiel Die Insel Felsenburg (1828) von L. Tieck oder Voyage en Icarie (1840) des französischen Philosophen Étienne Cabet.

Fast alle dieser Werke spielen an fernen Orten und sind in mustergültigen Gesellschaften angesiedelt. Die Geschichten streben nach einer idealen Gesellschaftsordnung und formulieren als Kritik oder Alternative einen sozialen und politischen Anspruch in Reaktion auf die unerwünschte oder unvollkommene Gegenwart. Sie werden zumeist von einem Reisenden, einem Ich-Erzähler, der nach seiner Rückkehr aus einem abgelegten Staat Bericht erstattet, erzählt.

Die modernen Utopien

Im heutigen Sprachgebrauch bezeichnet eine Utopie eine fantastische Idee, die unrealistisch, unerfüllbar oder gar absurd erscheint, oder auch die fiktive Vorstellung von einer besseren Gesellschaft. 

Die modernen Utopien zeichnen auch Wunschbilder von fortschrittlichen Gemeinschaften, die in der Zukunft liegen und in der Regel eine starke Uniformität aufweisen. Ihre Bewohner handeln solidarisch in einem friedlichen, harmonischen und idyllischen Milieu. Werte, wie Erziehung, Bildung, Geschlechterrollen, Wissenschaft, Menschenrechte oder Umweltschutz, werden in den Erzählungen thematisiert, wie zum Beispiel in Herland (1915) der feministischen Autorin Charlotte Perkins Gilman oder in der ökologischen Utopie Ökotopia. Notizen und Reportagen von William Weston aus dem Jahre 1999 (1975) von Ernest Callenbach. 

Die modernen Utopien stellen oft eine Mischung aus Fiktion und philosophischem Gespräch, wie zum Beispiel H. G. Wells A Modern Utopia (1905) oder Menschen, Göttern gleich (1923), ein Werk desselben Autors, dar. Das Literaturgenre der Utopie überschneidet sich häufig mit den Werken der „Science-Fiction“, welche sich durch einen utopischen sowie auch dystopischen Charakter auszeichnen können.

Dystopie

Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts dominieren eher positive Zukunftsentwürfe, aber im 20. Jahrhundert, besonders nach den beiden Weltkriegen, erfährt die Dystopie ihre Hochzeit. Im Gegensatz zur Utopie, die eher eine bessere oder ideale Welt beschreibt, handelt es sich bei der Dystopie („dys“ = schlecht) um eine in der Zukunft spielende Geschichte mit negativem Ausgang. 

Viele Dystopien (auch: Anti-Utopien), die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts verfasst worden sind, kreisen um einen ähnlichen Themenkomplex: Ein totalitäres Regime hat die Macht ergriffen und die allumfassende Kontrolle über seine Untertanen erlangt. Bekannte Beispiele für Dystopien sind die Romane Wir (1920) des russischen Autors Jewgenij Samjatin sowie diese Werke englischer Schriftsteller: Schöne Neue Welt (1932) von Aldous Huxley und 1984 (1948) von George Orwell. Orwells Dystopie Farm der Tiere (1945) und William Goldings Herr der Fliegen (1954) erzählen von Tieren und Kindern, die diktatorische Systeme aufbauen. Ray Bradbury präsentiert in seinem Roman "Fahrenheit 451" (1953) eine diktatorische Gesellschaft, in der Bücher verboten sind und von der Feuerwehr verbrannt werden.

Die üblichen Motive der zukunftspessimistischen Dystopien sind die folgenden: Die Kontrolle der Bürger und ihres Privat- und Gefühlslebens durch Staatsüberwachung, die Propaganda und die Medien als Manipulations- und Kontrollwerkzeuge des Staates, der Kollektivismus aufgrund eines Gleichheitsideals, die Unterdrückung Andersdenkender, der Aufbau antidemokratischer Systeme. Die Geschichten stehen häufig in Verbindung mit hierarchischen Gesellschaftsstrukturen, Unfreiheit, Willkür, Überwachung, Gewalt, Terror, Folter, Scheinjustiz, Auslöschung der Individualität und Personenkult. Die Schriften formulieren indirekt eine Gegenwartskritik und erfüllen eine Warnfunktion. In ihren Dystopien wollen die Autoren vor negativen gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen und deren Folgen warnen.

Unsere Dystopien

Schöne neue Welt (Brave New World) (1932) Aldous Huxley 

1984 (1948) George Orwell 

Fahrenheit 451 (1953) Ray Bradbury 

Herr der Fliegen (Lord of the Flies) (1954) William Golding 

Corpus Delicti: Ein Prozess (2009) Juli Zeh