Picaroroman und Schelmenroman

Der Picaroroman

Das spanische Wort ‚pícaro‘ bezeichnet einen Schelm, einen Schurken oder einen Schlingel. Das Genre des Picaresque-Romans entsteht Mitte des 16. Jahrhunderts während des spanischen „Goldenen Zeitalters“, einer Blütezeit in Kunst und Literatur. Der erste spanische Picaroroman, dessen Autor bis heute unbekannt bleibt, ist Lazarillo del Tormes (1554). Berühmte spanische Picaros sind Lazarillo de Tormes, Guzman de Alfarache, Ruy Blas oder Miguel de Cervantes (Don Quijote, 1616).

Der spanische Picaroroman orientiert sich an dem Vorbild der antiken und mittelalterlichen Satire. Die Handlung spielt oft auf Straßen, Plätzen oder in Häfen. Sevilla und Madrid bilden damals die Hauptschauplätze. Die Geschichten werden in der Regel in der Form einer fiktiven Autobiografie von einem Ich-Erzähler berichtet. Der Held schildert in verschiedenen Episoden realitätsnah, humoristisch und ironisch seine Abenteuer. Die Erzählungen thematisieren satirisch zeitgenössische gesellschaftliche Missstände wie Hunger, Arbeitslosigkeit, Elend oder Korruption.

Die typischen Figuren des Picaroromans sind Vertreter der drei Stände im Mittelalter: die Adeligen, der Klerus und das Volk (Bauer, Soldaten, Quacksalber, Bettler, Landstreicher, Dirnen, Schausteller oder Diebe). Der Picaro steht im Mittelpunkt der Handlung. Er gehört den unteren Klassen an und wendet List, Täuschung und Betrug an, um illegitime Vorteile für sich herauszuschlagen. Seine niedrige Herkunft verwehrt ihm den Aufstieg in eine höhere gesicherte soziale Position. Deshalb haben die Erzählungen gewöhnlich auch kein Happyend, sondern ein offenes Ende. 

Der gesellschaftliche Außenseiter schildert realitätsnah, humoristisch und ironisch seine Abenteuer in verschiedenen Episoden. Er entlarvt mit Witz die Schwächen seiner Mitmenschen und die Verlogenheit der damaligen Gesellschaft. Er erringt zuletzt die Sympathie der Lesenden, indem er sich mit Geschicklichkeit gegen gesellschaftliche Diskriminierung zur Wehr setzt.

Der Schelmenroman

Im Laufe der nächsten Jahrhunderte findet der Picaroroman seinen Weg durch Übertragungen nach Frankreich, Holland, England und schließlich auch nach Deutschland. Mehrere spanische Werke werden in Deutschland im 17. Jahrhundert übersetzt. 

Der Begriff ‚Schelmenroman‘ etabliert sich in Deutschland erst im 17. Jahrhundert und bezeichnet solche Erzählungen, die nach dem Vorbild des spanischen Picaroromans konzipiert worden sind. Die meisten Schelmenromane bauen auch auf einer fiktiven Autobiografie auf und berichten von den Abenteuern eines aus der untersten Gesellschaftsschicht stammenden Helden, der die Unterschiede zwischen Sein und Schein aufdeckt. Der Begriff ‚Schelm‘ bezeichnet einen Spaßvogel, einen Spaßmacher, und damit jemanden, der gerne anderen Streiche spielt.

Die Handlung des ersten bedeutenden erfolgreichen deutschen Schelmenromans Der Abentheuerliche Simplicissimus Teutsch (1668) von Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen spielt während des Dreißigjährigen Krieges (1618–1648). Auch in anderen Ländern erscheinen Werke, die als Vorbild den Picaroroman haben, wie Gil Blas de Santillane (1715) des Franzosen Alain-René Lesage oder Moll Flandes (1722) von Daniel Defoe.

Im Laufe des 18. und des 19. Jahrhunderts tritt die Gattung des Picaroromans zurück und macht Platz für den Bildungsroman, der in dieser Periode seine Blütezeit erlebt. Im 20. Jahrhundert gewinnt das Picaro-Genre wieder an Beliebtheit. Der moderne Schelmenroman ahmt das pikareske Erzählen nach und besitzt gemeinsame Elemente mit ihm, wie zum Beispiel den ich-Erzähler, die Vermischung von Charakteren aus mehreren Sozialschichten, realistische Sprache und Details oder den distanzierten, satirischen und ironischen Ton.

Merkmale des Schelmenromans

  • Sicht der Welt aus der Perspektive des naiv wirkenden Ich-Erzählers 
  • Retrospektives Erzählen, starke autobiografische Prägung
  • Lebensbericht eines einsamen Außenseiters
  • Distanz zu den gesellschaftlichen Werten und Normen, negative Weltsicht
  • Desillusionierung, materielle Sorgen, List, Machenschaften
  • Reisemotiv, reale Orte, Abenteuer, Begegnung mit unterschiedlichen gesellschaftlichen Schichten
  • Derber Realismus, komische und satirische Elemente
  • Verbundenheit der verschiedenen Episoden durch die Handlungen des Helden und die Verwendung ähnlicher Motive 
  • Integrierung in der Gesellschaft, offener Schluss

Berühmte Schelmenromane

Aus den Memoiren des Herrn v. Schnabelewopski (Heinrich Heine, 1834)

Die toten Seelen (Nikolaj Vasil’evič Gogol’, 1842)

Die Abenteuer des Huckleberry Finn (Mark Twain, 1884)

Der brave Soldat Schwejk (Jaroslav Hašek, 1921)

Tortilla Flat (John Steinbeck, 1935)

Don Camillo und Peppone (Giovanni Guareschi, 1948)

Die Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull (Thomas Mann, 1954)

Die Blechtrommel (Günter Grass, 1959)

Forrest Gump (Winston Groom, 1986)

Baudolino (Umberto Eco, 2000)

Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand (Jonas Jonasson, 2011)