Bildungsroman

Die Gattung des Bildungsromans entwickelt sich in der Zeit der Aufklärung in der zweiten Hälfte der 18. Jahrhunderts und ist dementsprechend durch ein positives, aufgeklärtes Menschenbild gekennzeichnet. Die Begriffe Entwicklung, Erziehung und Bildung werden damals kaum voneinander unterschieden. 

Christoph Martin Wielands „Geschichte des Agathon“ (1766) gilt als erster deutscher Bildungsroman, obwohl der Terminus als solcher damals noch gar nicht existierte. Der eigentliche Begriff wird erst später von dem Sprach- und Literaturwissenschaftler Johann Karl Simon Morgenstern eingeführt. Als Musterbeispiel des Bildungsromans und als eines der bedeutendsten Werke dieser Gattung gilt bis heute Johann Wolfgang von Goethes Werk „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ aus dem Jahr 1795. 

In der Zeit der Aufklärung ist Bildung nicht im Sinne einer staatlichen oder schulischen Prägung zu verstehen. Vielmehr handelt es um die individuelle Entfaltung des Subjekts, und zwar sowohl in Bezug auf die Ausbildung der rationalen Fähigkeiten als auch in Bezug auf die Reifung der persönlichen Anlagen. Die Selbstbildung des eigenverantwortlichen Individuums manifestiert sich in der Metapher vom keimenden Samenkorn, welches sich im Rahmen seiner genetischen Vorzeichen zu einer individuell ausgeprägten Pflanze entwickelt.

An diesem Verständnis orientiert sich auch der Bildungsroman, welcher den Entwicklungsprozess eines Individuums schildert. Als Jugendlicher besitzt die zumeist männliche Hauptfigur zunächst noch ein von Idealismus und Naivität geprägtes Weltbild. Durch die Konfrontation mit der Umwelt entwickelt sich der Held zu einem eigenständigen Charakter. Er wird mit der äußeren Welt und der Gesellschaft konfrontiert und muss seine Vorstellungen mit der harten Realität seiner Umgebung in Einklang bringen.

Durch eine Reihe von problematischen Ereignissen und triumphierenden Erfolgen gewinnt die Figur neue Eigenschaften hinzu. Der Zuwachs an Erfahrung und Bewusstsein bringt ihr neue Erkenntnisse über sich selbst und die sie umgebende Welt. Demnach konzentriert sich die Erzählung auf die erfolgreiche – wenn auch mühsame – Verortung des Subjekts in der Umwelt und beleuchtet dessen individuelle Selbstverwirklichung. Der Bildungsroman präsentiert nicht einen von Geburt an idealen Menschen, sondern erzählt vom Werden eines Charakters zu einer (im Musterfall) idealen Menschenfigur.

Der Held wächst seelisch und geistig an seinen Erlebnissen, findet kluge Ratgeber, lernt, erfährt Freundschaft und Liebe und wird dank dieser Erlebnisse reifer und vollständiger. Er findet zu sich selbst und nimmt schließlich als autonomer Mensch seinen Platz in der Gesellschaft ein. Innerhalb der Handlung kann sich dieser Prozess über Jahre, manchmal sogar über Jahrzehnte hin erstrecken. Oft wird die Geschichte in drei verschiedene Teile untergliedert (Kindheit und Jugendjahre - Krise und Auseinandersetzung mit der Welt und Ausbildung – Erkenntnis, Selbstverwirklichung und zugleich Einordnung in die Gesellschaft). Darüber hinaus werden die entscheidenden Wendepunkte durch Selbstreflexionen und Rückblicke der Hauptfigur eingeleitet. Nicht zuletzt kann der Bildungsroman auch autobiografische Züge enthalten, die auf den persönlichen Werdegang des Autors schließen lassen, so beispielsweise der Roman Demian (1919) von Hermann Hesse. 

Wenn die Vereinigung des Protagonisten und der Welt mittels Bildung misslingt, wird das Werk als negativer Bildungsroman oder Anti-Bildungsroman bezeichnet. Beispiele hierfür sind Robert Schneider Schlafes Bruder (1992), Karl Philipp Moritz‘ Anton Reiser (1785 – 1790), Gottfried Kellers Der grüne Heinrich (1854/55 bzw. 1879/80) oder Adalbert Stifters Der Nachsommer (1857).

Der Bildungsroman soll ganz im Sinne der Aufklärung auch der Bildung des Lesers dienen und von ihm leicht nachvollzogen werden können. Hierfür ist in erster Linie der selbstbewusste auktoriale Erzähler zuständig, der sich zwischen den Protagonisten und den Leser schaltet und einen Bildungsvorsprung gegenüber beiden besitzt. Er vermittelt und reflektiert die Handlung auf distanzierte und nicht selten ironische Art und Weise. 

Unsere Bildungsromane:

Hermann Hesse: Siddhartha (1922)

Robert Schneider: Schlafes Bruder (1992)